Albert Anker
Ins, Schweiz
Foto: Wikimedia Commons/um 1901 (Ausschnitt)
01.04.1831
16.07.1910
„Lebt Anker noch?“, fragte Vincent van Gogh 1883 seinen Bruder Theo in einem Brief. „Ich denke oft an seine Werke. Sie sind mit so viel Geschicklichkeit und Einfühlsamkeit gestaltet. Er ist wirklich aus einer anderen Zeit.“ Tatsächlich war der Schweizer Maler Albert Anker zwar mit dem damals aktuellen Impressionismus vertraut, hielt jedoch unbeirrt an einem traditionellen, realistischen Stil fest. Und auch viele seiner Motive – „Dorfgeschichten“, wie er sie nannte – scheinen aus einer anderen Zeit zu kommen.
Das stattliche Bauernhaus in Ins, in dem Anker 1831 als Sohn eines Tierarztes geboren wurde, ist mit seinen weitgehend original erhaltenen Räumen bis heute ein Abbild dieser bäuerlichen Lebenswelt – auch wenn seit 2024 eine Dauerausstellung und ein neuer Kunstpavillon im Garten das Ensemble auf behutsam moderne Weise ergänzen.
Doch dieses ländliche Herkunftsmilieu ist nur eine Seite von Ankers Wesens. Ebenso vertraut war ihm das bürgerliche Großstadtleben in Paris. Zwar hatte sein Vater ihn für den Pfarrberuf vorgesehen, und der folgsame Sohn nahm zunächst ein Theologiestudium auf, doch es zog ihn mit allen Fasern seines Lebens zur Malerei: „Mein Herz jubelt, wenn ich nur meine Palette in den Regenbogenfarben sehe und die Ölfarben rieche.“ 1853 fand er schließlich den Mut, seinem Vater zu gestehen, er habe „rein das Gefühl, dass ich zur Kunst bestimmt bin & ich in ihr am meisten meine wahre Freude finden werde.“ Nur verhalten willigte der Vater ein und ermöglichte dem Sohn ein Kunststudium in Paris.
Und Anker hatte bald Erfolg mit seinen Bildern, sie verkauften sich gut. Zusätzlich bemalte er Porzellanteller für eine französischen Fayence-Manufaktur, um seiner Familie einen gesicherten Lebensstandard zu gewährleisten. 1864 hatte er Anna Rüfli geheiratet, sechs Kinder gingen aus der Ehe hervor.
Nach dem Tod seines Vaters 1860 erbte Albert das elterliche Haus. Fortan verbrachte er mit seiner Familie die Sommer in Ins und die Winter in Paris. Erst 1890 kehrte er endgültig in sein Heimatdorf zurück und gab den Pariser Wohnsitz auf. Anker war gleichermaßen Land- wie Stadtmensch – gebildet, weitgereist und doch von bodenständiger Bescheidenheit.
In Ins fand er seine stärksten Motive: „Immer habe ich eine Menge Kindermodelle vor mir. Ihre Gegenwart erfreut und ergötzt mich. Mein Leben lang möchte ich auf keine andern Modelle angewiesen sein, ausgenommen einige Alte, welche mir Geschichten von früher erzählen.“
Neben Stillleben und Genrebildern aus dem Schweizer Landleben sind es vor allem diese Kinderporträts, in denen Ankers Meisterschaft zum Ausdruck kommt. Von ihnen geht eine beinahe zeitlose, kontemplative Ruhe aus. Die Kinder sind in ihrer natürlichen Anmut und Würde ganz bei sich selbst. Immer wieder malte Anker lesende oder schreibende Mädchen, die – selbst wenn sie stricken oder ihre Haare flechten – ein Schulbuch oder ein Schreibheft bei sich haben.
Die Teilhabe der Landbevölkerung an Bildung war Albert Anker ein wichtiges Anliegen, für das er sich auch in öffentlichen Ämtern engagierte. Seine Bewunderung galt den pädagogischen Ideen Rousseaus und Pestalozzis. Als wacher Beobachter seiner Zeit entstanden so Werke wie „Die Ziviltrauung“, „Die polnischen Verbannten“ oder “Die Armensuppe“. Doch es sind keine sozialkritisch-anklagenden Bilder, vielmehr wirken die Menschen in ihnen vertrauensvoll geborgen im Sein.
Als Anker 1901 einen Schlaganfall erlitt, verlor seine rechte Hand die Kraft für großformatige Ölbilder. Er verlegte sich auf die feinere Aquarellmalerei, die noch einmal eine andere stilistische Seite seines Schaffens sichtbar machte. Er starb im Alter von 79 Jahren in seinem Haus in Ins.
Sein Atelier unterm Dach gleicht einem zauberhaft versponnenen Reich aus Malutensilien, Büchern, Bildern, Fotografien, Gipsabgüssen, Alltags- und Naturobjekten – ein einzigartiger persönlicher Erinnerungs- und Inspirationsraum.
Lebt Anker noch? Ja. In seinem Bauernhaus in Ins sind er und seine Werke noch immer sehr gegenwärtig.