Daniel Spoerri

Seggiano, Italien

Porträt von Daniel Spoerri

Foto: Wikimedia Commons, 2018 (Ausschnitt) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Dass nur der Moment, der Augenblick zählt, in dem man die Welt genießt, liebt, hasst oder erleidet.

27.03.1930

06.11.2024

www.danielspoerri.org

Seinen Park in der südlichen Toskana hat der rumänisch-schweizerische Künstler Daniel Spoerri in metaphorischer Beschreibungslust einmal sein „Poesiealbum“ genannt. Und tatsächlich lässt es sich in seinen Seiten genüsslich blättern. Rund 16 Hektar umfasst „Il Giardino“, den Spoerri seit den 1990er-Jahren mit staunenswerter Verve erschuf. Beim Durchstreifen der Wälder und Wiesen, der Hügel und Täler wartet er mit einer Fülle an Entdeckungen auf: mehr als 100 Installationen und Skulpturen von rund 50 Künstlerinnen und Künstlern – verträumt, verspielt, surreal, kurios, und ja, auch verstörend. Ein Ort, an dem Natur und Kunst in stetigem Wechselspiel einen großen Zauber entfalten.

Seine Intention war, so Spoerri, „meine Fragen, aber auch meine Überzeugungen in die Realität einer starken, sich immer wieder erneuernden Natur zu projizieren. All dies vor allem auch mit der Hilfe meiner Freunde, die zu mir gehören, die mein Bild von der Welt ergänzen, ja eigentlich vervollständigen.“

Die Kunstwerke stammen teils von Spoerri selbst, teils von seinen Künstlerfreundinnen und -freunden wie Meret Oppenheim, Jean Tinguely, Nam June Paik, Dani Karavan oder Eva Aeppli. Auch sein ehemaliges Pariser Chambre No 13, in dem er sechs Jahre lang gelebt hatte, ließ er mitten im Wald originalgetreu in Bronze nachbilden – angeschrägt, sodass man beim Betreten gehörig ins Wanken gerät. Das Hotelzimmer soll, so Spoerri, an den „Geburtsort meiner Künstleridentität“ erinnern. Denn dort entstanden 1960 seine ersten Tableaux pièges, seine Fallenbilder: Die Überbleibsel eines geselligen Mahls – benutzte Teller, Gläser, Besteck, zerknüllte Servietten, Essensreste, Zigarettenstummel, leergetrunkene Weinflaschen – wurden auf der Tischplatte festgeklebt, dann in die Vertikale gekippt, an die Wand gehängt und zur Kunst erklärt. Ein realer Augenblick, ein zufälliger „Ausschnitt von Welt“, sollte wie in einer zuschnappenden Falle eingefangen werden. Spoerri nannte es „dem Zufall eine Falle stellen“. Eine provokative Antihaltung zum herkömmlichen Kunstbegriff.

In Paris, wohin es Spoerri 1959 nach einigen Jahren als Tänzer, Bühnenbildner und Regisseur zog, hatte er die Objektkunst als sein genuines Ausdrucksmittel entdeckt. 1960 war er Mitbegründer der Nouveaux Réalistes, einer Künstlervereinigung, die sich gegen die abstrakte Kunst stellte und stattdessen die reale Welt zum Gegenstand ihres Kunstschaffens machte. Yves Klein, Jean Tinguely, Christo, Niki de Saint Phalle und andere gehörten dazu.

Assemblagen aus konkreten Alltagsdingen machte Spoerri zum Markenzeichen seiner Kunst. Und was ist vergänglicher als eine Mahlzeit? Spoerri gilt daher auch als Erfinder der Eat-Art, die Lebensmittel zum künstlerischen Ausdrucksmittel erhob. Da war es nur folgerichtig, dass er, der auch als Koch und Kochbuchautor reüssierte, 1968 ein Restaurant und wenig später eine Eat-Art-Gallery in Düsseldorf eröffnete. Dort setzten sich Künstler wie etwa Dieter Roth und Joseph Beuys kreativ mit Essbarem auseinander.

Daniel Spoerri war ein leidenschaftlicher Sammler, oft war er auf Flohmärkten unterwegs. „Objekte haben mich immer fasziniert. Ich hatte immer Dinge in den Taschen – wie alle Kinder; nur machen nicht alle Kinder damit weiter, bis sie 90 sind.“ Seine spontanen Arrangements waren Ausdruck eines melancholischen Nachdenkens über die Rolle des Zufalls im Leben, über Verwandlung, Vergänglichkeit und das vergebliche Festhalten von Augenblicken.

Ein Thema, das Daniel Isaac Feinstein, so sein Geburtsname, seit seiner Kindheit in Rumänien begleitete. Sein rumänischer Vater, ein zum Protestantismus konvertierter Jude, wurde 1941 von rumänischen Faschisten ermordet. Der damals Elfjährige entging nur mit viel Glück dem Pogrom. Seine Mutter Lydia Spoerri flüchtete mit den sechs Kindern in ihre Schweizer Heimat. In Zürich wuchs Daniel Spoerri in den folgenden Jahren bei seinem Onkel auf.

Spoerri verstand sich sein Leben lang als heimatlos. Er starb mit 94 Jahren. In seinem toskanischen Künstlergarten, wo auch seine Urne begraben ist, hat der rastlose Augenblickssammler nun seinen ihm ganz und gar entsprechenden Ruheort gefunden.

„Aber meine größte Hoffnung ist natürlich, dass der Sinn dieser Anlage sichtbar bleibt, nämlich dass man hier erfährt, dass nur der Moment, der Augenblick zählt, in dem man die Welt genießt, liebt, hasst oder erleidet.“

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