Paul Cézanne
Aix-en-Provence, Frankreich
Foto: Wikimedia Commons/1899 (Ausschnitt)
19.01.1839
22.10.1906
„Hier ist mein Atelier. Außer mir betritt es keiner, aber weil Sie ein Freund sind, gehen wir zusammen hinein.“ Dieser Einladung Cézannes an den Malerkollegen Émile Bernard aus dem Jahr 1904 folgen heute zahllose Menschen aus aller Welt. Noch immer liegt etwas Intimes, beinahe Andächtiges in diesem Raum, so als spüre man die stille Konzentration und Beharrlichkeit, mit denen der Maler seinen Motiven begegnete.
Und tatsächlich, viele Dinge in dieser Kunstwerkstatt sind uns aus Cézannes Gemälden vertraut: einfache Alltagsgegenstände wie Krug, Vase, Karaffe, Zuckerdose, Rumflasche, ein Gipsputto, ein Holztisch und die Äpfel natürlich, das ikonografische Erkennungsmerkmal Cézannes schlechthin. Immer wieder hat der Maler diese Motive künstlerisch umkreist, ebenso wie den provenzalischen Berg Sainte-Victoire, der durch seine Bilder Weltruhm erlangte. Mag das alles heute auch ein wenig inszeniert wirken, dennoch, das Atelier hat nichts von seiner Aura verloren.
Hier lebte und arbeitete Cézanne von 1902 bis 1906. Es waren seine letzten Lebensjahre. 1901 hatte er außerhalb seiner Heimatstadt Aix-en-Provence ein Grundstück auf dem Hügel Les Lauves erworben. Umgeben von Feigen- und Olivenhainen entstand nach seinen Vorgaben ein schlichtes, zweigeschossiges Landhaus. Im Erdgeschoss befanden sich Küche, Esszimmer, Ruheraum und Toilette, im ersten Stock lag das rund 50 m² große Atelier mit hellgrau gestrichenen Wänden, Dielenboden und einer großzügigen Fensterfront. In der Mauer verläuft eine Öffnung, durch die großformatige Gemälde nach draußen transportiert werden konnten.
Die Einfachheit des Gebäudes findet ihre Entsprechung in der Einfachheit des Inventars: Kohleofen, Diwan, Leiter, Tisch, Kommode, Staffelei und eine Garderobe, an der noch immer Cézannes Mäntel und Hüte, sein Malerkittel und sein Regenschirm hängen – das ist so gut wie alles.
Dieses Haus war Cézannes Rückzugsort. Hier konnte er sich ungestört seiner Malerei widmen. „Ich habe jetzt ein großes Atelier auf dem Land“, schrieb er 1903. „Hier arbeite ich, hier fühle ich mich viel wohler als in der Stadt.“ Im Zentrum von Aix hatte er weiterhin eine kleine Wohnung angemietet, die er zum Essen und Schlafen nutzte.
Nach vielen Jahren des Hin- und Hergerissenseins zwischen seiner Geburtsstadt Aix und der Kunstmetropole Paris schien er sich nun mit dem kleinstädtischen Leben arrangiert zu haben. „Wenn man hier geboren wurde, dann ist man verloren für alles andere.“ In Paris lebte sein Jugendfreund Émile Zola und zeitweise auch seine Lebensgefährtin Hortense mit dem gemeinsamen, 1872 geborenen Sohn Paul. Oft war die kleine Familie getrennt, lebte an unterschiedlichen Orten oder in separaten Wohnungen. Cézanne galt als menschenscheuer Einzelgänger.
Öffentliche Anerkennung fand seine Kunst erst allmählich in seinem letzten Lebensjahrzehnt. Auch in Aix begegnete man dem Maler und seinem Werk mit Unverständnis und Skepsis. Der Direktor des örtlichen Museums soll sich gerühmt haben, dass während seiner Amtszeit kein Bild Cézannes ins Haus komme. Noch als über Vierzigjähriger, bis zum Tod des Vaters 1886, blieb Cézanne von dessen finanzieller Unterstützung abhängig. Aus Angst, diese zu verlieren, hielt er sowohl seinen Sohn als auch die aus Sicht der Familie unstandesgemäße Beziehung zu Hortense lange geheim. Erst 1886 wurde sein Verhältnis zu Hortense legalisiert und damit sein geliebter Sohn Paul legitimer Erbe.
So rätselhaft Cézannes Kunst vielen Zeitgenossen erschien, so tiefgreifend war ihre Wirkung auf nachfolgende Künstlergenerationen. Für Matisse und Picasso war Cézanne der „Vater von uns allen“. Seine neue Art des Sehens hatte die Tür geöffnet zur Moderne. Statt der gewohnt perspektivischen Bildanordnung entsteht die Raumwirkung in seinen Gemälden durch ein rhythmisches Nebeneinander von Farbfeldern - eine künstlerische Radikalität, die weit über den augenblicksverhafteten Impressionismus hinausweist.
Cézanne näherte sich mit Langsamkeit und Hartnäckigkeit seinen Motiven. Ein „Nachdenken mit dem Pinsel in der Hand“ nannte Émile Bernard diese Arbeitsweise. Allein im Bemühen, das Wesen der Dinge malend zu erfassen, sah Cézanne die Aufgabe des Künstlers: „Sein ganzes Wollen muss schweigen. Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit. Vergessen! Vergessen! Stille schaffen! Ein vollkommenes Echo sein.“
In der Landschaft, im Stillleben und im Porträt versuchte er diesem Anspruch gerecht zu werden. Aber Selbstzweifel plagten ihn ein Leben lang. Noch sechs Wochen vor seinem Tod schrieb er an seinen Sohn, dass er „als Maler vor der Natur hellsichtiger werde, aber dann wiederum ist die Umsetzung meiner Erfahrungen mühselig. Ich kann die Intensität, die sich vor mir entfaltet, nicht erreichen. Ich habe nicht den prächtigen Reichtum der Farben, der die Natur belebt.“
Oft arbeitete Cézanne draußen in der provenzalischen Landschaft, unmittelbar „vor dem Motiv“. Dort wurde er im Oktober 1906 beim Malen von einem Unwetter überrascht und erst am Abend durchnässt und halb ohnmächtig von Fuhrleuten aufgelesen. Am nächsten Morgen stand er erneut vor der Staffelei, sterbenskrank. Eine Woche später war Cézanne tot. Sein Wunsch war es gewesen, malend zu sterben.