Albert Schweitzer
Gunsbach, Frankreich
Foto: Wikimedia Commons https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de/1955 (Ausschnitt)
14.01.1875
04.09.1965
Er hätte eine glanzvolle Karriere machen können – als Musiker, als Hochschullehrer, als Autor oder als Experte für Orgelbau. Stattdessen kehrte Albert Schweitzer den Eitelkeiten der Welt den Rücken und ging nach Afrika, um sich dort den Leiden seiner Mitmenschen zuzuwenden: „Ich will mich aus diesem bürgerlichen Leben befreien, das alles in mir töten würde. Ich will etwas tun – nicht eine Professur, ein bequemes Leben.“
Als Sohn eines evangelischen Pfarrers konnte Schweitzer auf eine glückliche Kindheit und Jugend im elsässischen Gunsbach zurückblicken. Bereits Anfang zwanzig stand für ihn fest, „dass ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr für berechtigt halten wollte, der Wissenschaft und der Kunst zu leben; um mich von da an einem unmittelbaren menschlichen Dienen zu weihen.“
Und diesem Entschluss blieb er treu. Er bewarb sich als Missionar in Afrika, wurde jedoch wegen seiner liberalen theologischen Positionen abgelehnt. Daraufhin absolvierte er – bereits Doktor der Theologie und Doktor der Philosophie – ein Medizinstudium, das er 1913 ebenfalls mit einer Promotion abschloss.
Gemeinsam mit seiner Frau Helene ging er anschließend nicht als Missionar, sondern als Arzt nach Afrika, „um ohne irgendein Reden wirken zu können“. In der damaligen Kolonie Französisch-Äquatorialafrika, dem heutigen Gabun, schlug das Paar seine Zelte auf. Helene Bresslau, aus einer deutsch-jüdischen Familie stammend, teilte das humanitäre Engagement ihres Mannes. Vor der Abreise hatte sie sich noch zur Krankenschwester ausbilden lassen.
Ein Schuppen in einer verwaisten Missionsstation bei Lambaréné wurde zum ersten Behandlungsraum der Ankömmlinge. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte ihrem Einsatz schon bald ein Ende. Als verfeindete Deutsche wurden sie von den Franzosen interniert. Nach Kriegsende lebten sie zunächst im Elsass und in Königsfeld im Schwarzwald.
Erst 1924 konnte Albert Schweitzer nach Lambaréné zurückkehren. Seine Frau, die durch eine Lungenkrankheit zeitlebens geschwächt blieb, musste er allerdings zurücklassen. 1919 war die gemeinsame Tochter Rhena auf die Welt gekommen. Für Helene, die nur noch wenige Male nach Afrika reisen konnte, war die erzwungene Schonung ein bitterer Verzicht. Dennoch unterstützte sie ihren Mann, soweit es ihre Kräfte erlaubten.
In den folgenden Jahrzehnten baute Albert Schweitzer die Krankenstation weiter aus und packte an, wo immer Hilfe gebraucht wurde. „Ich bin zu einem Drittel Professor, zu einem Drittel Apotheker, zu einem Drittel Bauer. Dazu kommen noch einige Tropfen wilder Mann“, bekannte er. Der stattliche Mann mit wucherndem Schnauzbart und ungestümer Haarmähne galt im Urwaldhospital als verehrte Respektsperson. Seinen paternalistischen Führungsstil gegenüber der einheimischen Bevölkerung hinterfragte er nicht. Er sah darin die Voraussetzung für die Akzeptanz seiner Autorität. „Ich bin euer Bruder, aber der ältere“, begründete er seine herausgehobene Stellung.
Um den Erhalt und die Erweiterung seines Hospitaldorfs zu finanzieren, ging er auf Vortrags- und Konzertreisen nach Europa und in die USA. Für sein humanitäres Wirken wurde ihm der Friedensnobelpreis für 1952 zuerkannt. Auch seine Reden gegen die nukleare Aufrüstung fielen in diese Zeit, denn der Krieg, so Schweitzer, lasse „uns der Unmenschlichkeit schuldig“ werden.
Mit dem Geld des Frankfurter Goethepreises finanzierte er 1928 den Bau eines Hauses in seinem Heimatdort Gunsbach. Hier wohnte er mit seiner Familie, wenn er aus Afrika kam. Das Haus war zugleich die europäische Basisstation, von dem aus sein Werk koordiniert wurde. Die Wohnung der Schweitzers ist heute Teil einer umfangreichen Ausstellung. Dort steht auch das tropenfeste Klavier mit Orgelpedalen, auf dem der Bach-Bewunderer in Lambaréné abends zu spielen pflegte.
Zeitlebens blieb Schweitzer ein Mensch des Geistes, der sich theologischen, philosophischen und musikalischen Themen widmete. Daraus entwickelte er die Grundlagen seiner universellen Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niederem Leben. Sie lehnt eine solche Unterscheidung ab“, heißt es in einer Rede von 1964. „Wer von uns weiß denn, welche Bedeutung das andere Lebewesen an sich und im Weltganzen hat?“
Albert Schweitzer starb im Alter von neunzig Jahren in Lambaréné, wo er bis zuletzt tätig war. Auf dem dortigen Hospitalfriedhof ist der „Urwalddoktor“ neben seiner Frau beerdigt.
Die Faszination, die von seinem Lebensweg ausgeht, liegt in der unbeirrbaren Konsequenz, mit der er seine Überzeugungen lebte: „Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt.“ Noch heute kann sein Tun als Appell verstanden werden, sein eigenes Lambaréné zu finden. Oder in Schweitzers Worten: Ich „hielt mich an den Gedanken, dass jedem von uns die Gabe verliehen sei, etwas von diesem Elend zum Aufhören zu bringen.“