Gottlieb Daimler

Stuttgart, Deutschland

Porträt von Gottlieb Daimler

Foto: Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Nicht aber Idee, gute Ausführung ist Hauptmoment.

17.03.1834

06.03.1900

www.stuttgart-tourist.de

Von unscheinbaren Garagen und Werkstätten gehen nicht selten weltbewegende Innovationen aus. Auch ein Gartenhaus im schwäbischen Kurort Cannstatt befeuert diesen Mythos. Dort revolutionierten zwei Technikpioniere – Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach – die Fortbewegungsmöglichkeiten des Menschen in bis dahin ungeahntem Ausmaße. War es zuvor ausschließlich tierische oder menschliche Muskelkraft, mit der sich ein Individuum eigenständig fortbewegen konnte, so wurde mit der Erfindung des Motorfahrzeugs der Traum von freier Mobilität zu Land, zu Wasser und in der Luft plötzlich Wirklichkeit.

Bei ihrer Arbeit im Gartenhaus ging das Entwicklerduo äußerst verschwiegen vor. Niemand wusste, was die beiden bei verhüllten Scheiben oft bis tief in die Nacht hinein trieben. Ein misstrauischer Gärtner vermutete gar, das mysteriöse Gehämmer sei ein Hinweis auf die Herstellung von Falschgeld, und meldete seinen Verdacht der Polizei. Die aber fand statt einer illegalen Münzpresse nur schnöde Werkzeuge und Maschinenteile.

Gottlieb Daimler war bereits 48 Jahre alt, als er sich 1882 mit seiner Start-up-Werkstatt im Garten seines Cannstatter Anwesens selbständig machte. Vorausgegangen waren zahlreiche berufliche Stationen. Als Sohn eines Bäckermeisters im schwäbischen Schorndorf geboren, hatte er während der Lehre als Büchsenmacher erste feinmechanische Fertigkeiten erworben. Nach dem Maschinenbaustudium am Polytechnikum in Stuttgart sammelte er in verschiedenen Unternehmen in Frankreich, England und Deutschland weitere berufliche Erfahrungen. Auf diesem Weg begegnete er auch dem jungen Wilhelm Maybach, einem herausragenden Konstrukteur, der ein lebenslanger, kongenialer Wegbegleiter blieb und ohne den Daimlers Erfolge kaum denkbar gewesen wären. Maybach folgte Daimler 1872 dann auch nach Köln, wo dieser die technische Leitung der Gasmotorenfabrik Deutz übernahm.

Einer der Firmeninhaber war Nikolaus Otto. Gemeinsam entwickelten Daimler und Maybach dessen Erfindung, den Otto-Viertakt-Motor, zur Serienreife. Aber dieser gasbetriebene Industriemotor war extrem schwer, langsamlaufend und ausschließlich stationär einsetzbar. Daimlers kreativer Geist dachte weiter. Ihm schwebte die Konstruktion eines kleineren, leichteren und universell einsetzbaren Motors vor. Doch davon wollte Otto nichts wissen, die Streitigkeiten nahmen zu. „Nicht aber Idee, gute Ausführung ist Hauptmoment“, notierte Daimler verärgert in seinem Tagebuch. Nach zehn Jahren verließ er die Firma mit einer Abfindung und zog mit seiner Frau Emma und den fünf Kindern in eine stattliche Villa in Cannstatt.

Das Leben als Privatier genügte dem ehrgeizigen Visionär nicht lange. Rasch ließ er das gläserne Gewächshaus im Garten durch einen Backsteinanbau erweitern und zur Versuchswerkstatt ausbauen. Hier entstand nach langwierigem Experimentieren der erste schnelllaufende, benzinbetriebene Fahrzeugmotor mit Glührohrzündung, aufgrund seiner Form „Standuhr“ genannt. Das erste erfolgreich funktionierende Fahrzeug mit diesem Verbrennungsmotor war 1885 ein hölzernes Zweirad, der „Reitwagen“, das erste Motorrad der Welt. 1886 folgte eine vierrädrige Kutsche, das erste Vierrad-Motorgefährt der Welt. Immerhin leistete der Motor schon 1 PS und kam auf 18 km/h. Daimlers Tochter Martha erinnerte sich später an die entsetzten Reaktionen der Leute, sobald sich ihnen die knatternde Motorkutsche näherte: „Oft blieben sie wie versteinert stehen, meist aber flüchteten sie in den Straßengraben, bekreuzigten sich und schrien entsetzt: Der Leibhaftige! Oder: Da kommt des Teufels Fuhrwerk!“

Daimlers Motor erwies sich als so leistungsstark und vielseitig, dass mit ihm unterschiedliche Fahrzeugtypen angetrieben werden konnten. In schneller Folge wurde das erste motorisierte Boot der Welt und das erste motorisierte Luftschiff der Welt entwickelt. Der 1889 gebaute Stahlradwagen leistete bereits 1,5 PS.

Aber auch im 130 km entfernten badischen Mannheim wurde unabhängig von Daimler an einem Automobil getüftelt. Der Ingenieur Carl Benz meldete für sein dreirädriges Motorfahrzeug ein halbes Jahr vor Daimlers Motorkutsche das Patent an. Angeblich haben sich die beiden nie persönlich gesprochen.

Nach fünf Jahren wurde die Gartenwerkstatt zu klein. Daimler plante den Einstieg in die Serienproduktion und bezog 1887 mit über zwanzig Arbeitern ein Fabrikationsgebäude in Cannstatt. Um Kapital zu gewinnen, nahm er zwei Teilhaber in die Firma auf. Diese Konstellation, ab 1890 unter dem Namen Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG), sollte ihm letztlich – trotz florierender Lizenzgeschäfte in Frankreich und England – kein Glück bringen. Zu unterschiedlich waren die Ziele der Partner. Daimler wurde sukzessive entmachtet und aus der eigenen Firma gedrängt. „Im Vertrauen auf die guten Versprechungen habe ich unterschrieben und ihnen die Macht gelassen,“ schrieb er resigniert. „Jetzt sehe ich, dass ich getäuscht bin.“

Nach dem Tod seiner ersten Frau Emma heiratete er 1893 Lina Hartmann und wurde Vater zweier weiterer Kinder. Doch schon länger machte ihm eine Herzkrankheit zu schaffen, körperlich wie seelisch war er angeschlagen. Das letzte Fahrzeug, dessen Entwicklung unter Maybachs Leitung er noch begleitete, war ein Automobil mit bereits 35 PS. Es wurde nach der Tochter des Auftraggebers Emil Jellinek „Mercedes“ getauft und 1900 – im Todesjahr Daimlers – fertiggestellt.

1926 fusionierte die DMG mit der Firma von Carl Benz zur Daimler-Benz AG. Viele der legendären Fahrzeuge der Autopioniere sind heute im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum zu sehen. Den weltweiten Siegeszug des Benzinmotors und die weltweite Mobilität der Massen erlebte Daimler nicht mehr. Ob er wohl je geahnt hat, welche Folgen sein Lebenswerk einmal in der heutigen Welt haben würde?

Daimlers Söhne Paul und Adolf schlugen als Firmensymbol den dreizackigen Stern vor, inspiriert von einer Ansichtskarte ihres Vaters, auf der er die Lage des Familienwohnsitzes in Köln-Deutz mit einem Stern markiert hatte.

Der Stern entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der bekanntesten Markenzeichen der Welt. Seine Geschichte hatte in einem unscheinbaren Gartenhaus im Schwäbischen seinen Anfang genommen.

 

 

E-Mail-Icon Drucken-Icon PDF-Icon Nach-Oben-Springen-Icon