Théodore Reinach

Beaulieu-sur-Mer, Frankreich

Porträt von Théodore Reinach

Foto: Wikimedia commons/Agence de presse Meurisse, 1913 (Ausschnitt)

Hier lebe ich in friedlicher Zurückgezogenheit in der unsterblichen Schönheit.

03.07.1860

28.10.1928

www.villakerylos.fr

Für alle, die wie Goethes Iphigenie das Land der Griechen mit der Seele suchen, ist die Villa Kérylos an der Côte d’Azur ein Muss. Bis heute ist sie einzigartig, die staunenswerte Rekonstruktion eines antiken Hauses, in dem eine Zeitlang stilgerecht nach Art der alten Griechen gelebt wurde.

Bauherr der Villa Kérylos war Théodore Reinach, Nachkomme einer deutschstämmigen jüdischen Bankiersfamilie. Gemeinsam mit seinen Brüdern Joseph und Salomon wuchs er in einem geistig anregenden Umfeld auf. Alle drei galten als hochbegabt und vielseitig gebildet - ein Ruf, der ihnen bereits in jungen Jahren, angelehnt an den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen, den Beinamen „Je sais tout“ (Ich weiß alles) eintrug.

Théodore Reinach promovierte in Rechtswissenschaften und Geschichte und legte danach als Archäologe und Altertumswissenschaftler seinen beruflichen Schwerpunkt aufs Lehren, Forschen und Publizieren. Seine Studie über den pontischen König Mithridates VI. gilt noch heute als Standardwerk. Der Wunsch, die griechische Antike in einem Haus wiedererstehen zu lassen, rührt vermutlich aus der jahrelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit. Freilich hatte er in Emmanuel Pontremoli einen archäologisch geschulten Architekten, der anhand von Vorlagenbüchern, Nachschlagewerken und originalen Funden Reinachs Vorstellungen kongenial umzusetzen verstand. Zudem waren 1883 auf der griechischen Insel Delos Privathäuser aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. entdeckt worden, die wichtige Hinweise auf die damals nur lückenhaft bekannte Wohnkultur des Hellenismus gaben.  

Auf einer schmalen Landzunge östlich von Nizza hatte Reinach den geeigneten Ort für sein Bauvorhaben gefunden. Die schroffen Bergrücken erinnerten ihn an die archaische Landschaft Griechenlands. Hier errichtete Pontremoli zwischen 1902 und 1908 gemeinsam mit einer Gruppe herausragender Kunsthandwerker die Villa Kérylos - die Idealversion eines altgriechischen Privathauses.

Der Name „Kérylos“ verweist auf einen mythischen Wasservogel der griechischen Antike. Mit ihrer schlichten weißen Fassade und den gestaffelten Baukörpern ist die Villa schon von weitem sichtbar. Die Innenräume überwältigen durch die Kostbarkeit der Materialien und die handwerkliche Perfektion. Wandmalereien, Mosaikfußböden, Skulpturen, Textilien, Mobiliar – alles wurde konsequent nach griechischen Vorbildern gestaltet. Freilich verfügte Reinach auch über die nötigen Mittel, um ein solch edles Ambiente souverän finanzieren zu können.

Am Eingang empfängt der griechische Willkommensgruß XAIPE die Besucher. Im Bodenmosaik sind Hahn, Henne und Küken dargestellt - ein sprechendes Symbol für die Familie. Herzstück des Hauses ist, ganz nach antikem Vorbild, der quadratische Innenhof mit umlaufender Säulenhalle (Perystil), um den sich die übrigen Räume gruppieren. Zum Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung ist die Bibliothek nach Osten ausgerichtet. Hier arbeitete Théodore Reinach vom frühen Morgen bis zum Mittag an seinen Studien - selbstverständlich am Stehpult, denn auch die Gelehrten der Antike forschten stehend. Deren ruhmreiche Namen, programmatisch an den Wänden aufgereiht, umgaben ihn ebenso wie sein Leitspruch „Hier lebe ich in friedlicher Zurückgezogenheit in der unsterblichen Schönheit“.

An die Bibliothek schließt sich das Speisezimmer an, ausgestattet mit Liegen in Tischhöhe, denn die Griechen speisten in zurückgelehnter Haltung. Im Salon befindet sich ein Altar, nach dem Vorbild griechischer Hausaltäre, „dem unbekannten Gott“ geweiht. Im Obergeschoss lagen die Privaträume der Familie: getrennte Schlaf- und Badezimmer von Madame und Monsieur Reinach, verbunden durch einen gemeinsamen Ruheraum. Eine Etage darüber befanden sich die Kinder- und Gästezimmer. Die große Terrasse mit Pergola krönt den dreistöckigen Wohnturm.

Viele Jahre verbrachte die Familie Reinach die Ferien in der Villa Kérylos. Dabei waren nicht allein die Architektur und die Ausstattung streng puristisch den Griechen der klassischen Antike nachempfunden, man versuchte darüber hinaus auch in deren damalige Lebenswelt einzutauchen. Man kleidete sich wie sie, aß wie sie, sprach wie sie. Théodore Reinach unterhielt sich mit seinen Gästen, wann immer möglich, auf Altgriechisch oder Latein. Sein Tagesablauf folgte - ganz im Sinne seiner Vorbilder - dem Rhythmus zweier in die Wand gravierter Sonnenuhren: vormittags Studium, nachmittags Muße und Geselligkeit – eine perfekte Work-Life-Balance avant la lettre.

Die Antike zu leben war Reinachs erklärtes Ziel, doch auf den Komfort seiner eigenen Zeit wollte er dann doch nicht verzichten. Die Fenster waren ganz ungriechisch verglast, es gab fließendes Wasser, Elektrizität, Spiegel, Bücher, Bidets, eine Heizungsanlage, einen Speiseaufzug und sogar ein Klavier. All dies wurde vom Architekten so diskret integriert, dass der Zeitsprung in die Moderne nur für Eingeweihte erkennbar ist.

Die Villa Kérylos ist alles andere als eine Disneyland-Kulisse oder der Spleen eines reichen Erben. Sie ist das Werk eines passionierten Bewunderers und Erforschers der griechischen Kultur. Reinach war überzeugt, dass die Werte der klassischen Antike auch für seine eigene Zeit Orientierung und Vorbild sein könnten. Wohl auch aus diesem Grund vermachte er das Haus testamentarisch dem Institut de France. Seine Nachkommen bewohnten es noch bis in die 1960er Jahre. Heute steht die Villa Kérylos der ganzen Welt offen - als eine faszinierende Einladung, das Land der Griechen mit der Seele zu suchen.

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