Antonio Canova
Possagno, Italien
Foto: Wikimedia Commons, Antonio Canova, 1792 (Ausschnitt)
01.11.1757
13.10.1822
Er war der unumstrittene Meister des italienischen Klassizismus. Antonio Canova schuf die gefragtesten Skulpturen seiner Zeit, die nach dem ausladenden Barock und dem verschnörkelten Rokoko die Sehnsucht nach einer neuen Klarheit und Formenstrenge erfüllten.
Die Mächtigen seiner Zeit buhlten um ihn. Canova konnte sich vor Aufträgen kaum retten, ließ sich aber von keinem seiner weltlichen und kirchlichen Auftraggeber gänzlich vereinnahmen. Seine blendend weißen, makellosen Marmorwerke, heute Glanzpunkte in den großen Museen der Welt, lassen die griechische und römische Antike noch einmal in gesteigerter Form aufleben. Der Altertumsforscher Winckelmann hatte mit seinem Diktum von „edler Einfalt und stiller Größe“ der klassizistischen Epoche die ästhetische Richtung gewiesen.
Canova strebte allerdings keine stupide Nachahmung des antiken Ideals an, er interpretierte seine Vorbilder auf die ihm eigene Weise. Seine Liebe zum Tanz, zur Bewegung, zu der von ihm so geschätzten „kostbaren Anmut“ zeigt sich in seiner Temperamalerei, die oftmals grazil tanzende Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt stellt. Auch seine skulpturalen Figuren halten meist eine ausdrucksstarke, emotionale Augenblicksbewegung fest.
Canovas Werke trafen den Geschmack und die Empfindung vieler Zeitgenossen und vieler Nachgeborener. Napoleon etwa ließ sich von ihm als nackter „Mars“ darstellen, der Papst erwarb Canovas „Perseus“, der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Göttin „Hebe“. Eine „Venus Italica“ riss sich der Medienmogul Hearst für sein Schloss in Kalifornien unter den Nagel, und Flaubert war von dem Skulpturenpaar „Amor und Psyche“ so fasziniert, dass er nicht anders konnte, als „der hinsinkenden Frau unter der Achsel einen Kuss“ zu geben. „Man möge es mir verzeihen. Es war seit langer Zeit mein einziger sinnlicher Kuss. Es war sogar noch mehr: Ich küsste die Schönheit selbst.“
Antonio Canova entstammte einer Steinmetzfamilie aus dem norditalienischen Possagno. Nach einer Bildhauerlehre In Venedig machte er sich bereits im Alter von achtzehn Jahren mit einer eigenen Werkstatt selbständig. 1779, vier Jahre später, zog er nach Rom. Die Stadt wurde zu seinem künstlerischen Lebensmittelpunkt.
Doch auch seinem Heimatort Possagno blieb Canova zeitlebens eng verbunden. In verschiedenen Lebensphasen zog es ihn immer wieder in sein Geburtshaus zurück. Er ließ das aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude restaurieren und vergrößern, unter anderem durch einen Turm, in den er sich während seiner Aufenthalte oft zum Lesen, Nachdenken und Arbeiten zurückzog.
Heute ist das Wohnhaus zusammen mit der angrenzenden Gipsothek ein staunenswertes Museum. In der lichtdurchfluteten Gipsothek, die in den 1950er-Jahren durch den Architekten Carlo Scarpa eine moderne Erweiterung erfuhr, wird eine Vielzahl von Canovas originalen Gipsmodellen präsentiert. Auch deren Entstehungsprozess kann nachverfolgt werden – von der ersten Skizze über ein kleines Terrakotta-Modell bis hin zum Gipsabguss, gesprenkelt mit zahlreichen Rasterpunkten, mit deren Hilfe sich Maßstab und Proportionen auf den Marmorblock übertragen ließen.
Das Gebäudeensemble wurde von Canova gegen Ende seines Lebens noch durch ein weiteres Bauwerk ergänzt. Direkt in der Achse des Wohnhauses liegt oberhalb am Berg der klassizistische Tempio del Canova, eine gelungene Verbindung von griechischem Parthenon und römischem Pantheon. Canova hat die marmorne Pfarrkirche, in der er auch seine Grabstätte vorsah, selbst entworfen und seinem Heimatdorf gestiftet.
Der allseits bewunderte Meister des Klassizismus hat sich mit diesem Tempel ein würdevolles Monument geschaffen. Im Leben wie im Tod wollte er sich vom Geist der Antike umgeben wissen. Seine Werke sind ein Höhe- und zugleich Wendepunkt im Verhältnis zur klassischen Ästhetik. Nach ihm hat kein Bildhauer mehr das antike Stilideal so überhöht und so zelebriert wie Antonio Canova.