William Randolph Hearst
San Simeon, USA
Foto: Wikimedia Commons (Ausschnitt)
29.04.1863
14.08.1951
Hearst Castle: sagenhaft, kolossal, monströs. Sein einstiger Besitzer, der amerikanische Medienmogul William Randolph Hearst, nannte das Anwesen „La Cuesta Encantada“ – Der verzauberte Berg. Die spektakuläre Schlossanlage, zwischen San Francisco und Los Angeles gelegen, thront auf einer Anhöhe über dem Pazifischen Ozean. Und ihre maßlosen Dimensionen haben tatsächlich etwas Sagenhaftes: 165 Zimmer, zwei Riesenpools, Terrassengärten, Tennisplätze, ein Kino, ein privater Zoo, ein eigener Flugplatz.
Das weitläufige Gelände in San Simeon gehörte zum Familienbesitz der Hearsts und war 1919 nach dem Tod der Mutter in die Hände des Sohnes William Randolph übergegangen. Hier sollte, ganz nach seinen Vorstellungen, ein Traumschloss entstehen. Mit der Planung und Gestaltung beauftragte er die Architektin Julia Morgan – freilich nicht, ohne sich selbst immer wieder mit eigenen Ideen einzumischen.
Die Fassade des Hauptgebäudes „La Casa Grande“, um das sich die Gästebungalows gruppieren, gleicht mit den beiden Glockentürmen und den Heiligenfiguren einer spanischen Kathedrale. Hier wie auch in den Innenräumen vermischen sich sakrale und profane Stilelemente zu einem irritierenden Konglomerat. Hearst hatte ganze Räume aus europäischen Schlössern, Klöstern und Palästen ausbauen und in seiner Privatresidenz wieder zusammensetzen lassen. Hinzu kamen jede Menge kostbare Gemälde, Tapisserien und Skulpturen, darunter auch Antonio Canovas „Italienische Venus“. Vermutlich haben die Eindrücke, die er als Junge auf einer Europareise mit seiner Mutter Phoebe gewonnen hatte, seine manische Sammelwut ausgelöst und befeuert. Und diese eklektische Anhäufung von Kunst und Antiquitäten wirkt auf den ersten Blick überwältigend, im Nebeneinander mit zeitgenössischen Imitaten und Kopien jedoch seltsam seelen- und konzeptlos.
Das Schloss blieb bis wenige Jahre vor Hearsts Tod sein bevorzugter Lebensort. Hier feierte er Partys mit Prominenten aus Politik, Sport und Showbusiness. Winston Churchill zählte ebenso zu den Gästen wie die Hollywood-Stars Cary Grant, Clark Gable, Joan Crawford oder Charlie Chaplin. Die illustre Gesellschaft konnte sich hier mit allen Annehmlichkeiten des süßen Lebens die Zeit vertreiben, während Hearst tagsüber seinen Geschäften nachging. Nur auf die Anwesenheit aller beim gemeinsamen Abendessen im Speisesaal legte der Schlossherr größten Wert.
Hearst war der einzige Sohn eines Multimillionärs, der durch Erträge aus Minen und Farmen zu Reichtum gelangt war. Er hatte Journalismus in Harvard studiert, sich an der Studentenzeitung „Harvard Lampoon“ beteiligt, war dann aber nach zwei Jahren wegen Fehlverhaltens von der Eliteuni geflogen. Als sein Vater 1887 die Lokalzeitung „San Francisco Examiner“ – angeblich beim Pokerspiel – gewann, bekam William Randolph seine Chance als Jungverleger. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihm, auch mithilfe profilierter Autoren wie Mark Twain und Jack London, das Blatt zur populärsten Zeitung San Franciscos zu machen.
1895 kaufte er mit dem Millionenerbe seines inzwischen verstorbenen Vaters George die New Yorker Zeitung „Morning Journal“ und wagte sich als neuer Player auf den von Joseph Pulitzers „New York World“ dominierten Zeitungsmarkt. Die beiden lieferten sich in den folgenden Jahren einen erbitterten Konkurrenzkampf um die reißerischsten Schlagzeilen und die höchsten Auflagen. Hearst warb Pulitzer die besten Mitarbeiter ab und übernahm dessen Stil des populistischen Boulevardjournalismus, der es bekanntlich mit den Fakten nicht allzu genau nimmt und stattdessen auf Unterhaltung, Klatsch und Drama setzt. „Wenn irgendjemand es nicht gedruckt sehen will, dann ist es eine Nachricht. Alles andere ist Werbung“, lautete Hearsts Devise.
Die publizistische Begleitung des kubanischen Aufstands gegen die spanische Kolonialmacht gilt als Musterfall für Hearsts Einfluss auf die Meinungen seiner Leserschaft. „Sie liefern die Fotos, ich liefere den Krieg“ (You furnish the pictures, I’ll furnish the war) soll er seinem Korrespondenten in Havanna zugerufen haben. Ob jedoch die Meinungsmacht der Sensationspresse allein den Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 auslöste, bleibt umstritten.
Sukzessive baute Hearst sein landesweites Medienimperium weiter aus. Ihm gehörte eine Vielzahl an Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, Radiosendern und Medienunternehmen. Sogar eine eigene Filmproduktionsfirma gründete er, um die holprig verlaufende Karriere seiner Geliebten, der Schauspielerin Marion Davies, voranzutreiben. Die 34 Jahre jüngere Marion hatte er 1917 kennengelernt. Hearsts Ehefrau Millicent Willson, mit der er fünf Söhne hatte, verweigerte bis zuletzt die Scheidung. Marion musste sich als Dauergeliebte und Schlossherrin an der Seite ihres Sugar Daddys begnügen.
Auch wenn Hearst ein Paradebeispiel dafür ist, was sich mit Geld und Macht durchsetzen und manipulieren lässt, manchmal reichte all sein Geld und all seine Macht nicht aus, um zum Ziel zu kommen. Weder gelang es ihm, seine politischen Ambitionen zu verwirklichen und Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, noch konnte er Orson Welles‘ Film „Citizen Kane“ (1941) verhindern. Dessen wenig schmeichelhaft gezeichnete Filmfigur kam dem realen Hearst nämlich gefährlich nahe.
Und 1924 wäre er beinahe mit seinen eigenen Waffen geschlagen worden, als er plötzlich selbst ins Zentrum einer veritablen Sex-and-Crime-Geschichte geriet. Man munkelte, der eifersüchtige Hearst habe während einer Party auf seiner Yacht den Regisseur Thomas Ince erschossen. Versehentlich, denn sein eigentliches Zielobjekt sei Charlie Chaplin gewesen, der sich an Hearst Geliebte Marion herangemacht habe. Vermutlich gelang es Hearst einmal mehr, mit Geld und Macht alle Beteiligten zum Schweigen zu bringen und die Sensationsstory im Keim zu ersticken.
Der „verzauberte Berg“ zieht weiterhin Scharen von Neugierigen an und inszeniert sich als imposante Kulisse des Hearst-Imperiums. Manchmal wird diese Kulisse – und seien es auch nur die luxuriösen Poolanlagen – für andere, auf ihre Weise ebenfalls spektakuläre Inszenierungen freigegeben, etwa für Stanley Kubricks Film „Spartacus“ oder für das Musikvideo „G.U.Y.“ von Lady Gaga.