Carlo Mollino

Turin, Italien

Foto: Creative Commons, ca. 1938 (Ausschnitt) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Alles ist erlaubt, solange es Phantasie enthält.

06.05.1905

27.08.1973

www.carlomollino.org

Über dieser Turiner Wohnung liegt ein Geheimnis. Den Schlüssel dazu hat allein Carlo Mollino, der sie von 1960 an nach seinen Vorstellungen eingerichtet hat. Gekannt, geschweige denn betreten hat diese Räume in der Via Napione außer ihm selbst niemand. Nur Mollino wusste um sie, auch wenn er dort nie wirklich gelebt hat. Zeitlebens wohnte er im Turiner Haus seiner Eltern. Wozu diese Wohnung? Vieles deutet darauf hin, dass er sie als eine Art okkulte Transformationsstätte in ein jenseitiges Leben geplant hatte. Vielleicht kann es einen solchen Ort nur in Turin geben, einer Stadt die von alters her mit Magie in Verbindung gebracht wird und in der das älteste altägyptische Museum der Welt beheimatet ist. Glaubten doch auch die alten Ägypter, dass der tote Herrscher sich auf seine Reise in die andere Welt mit einem Boot aufmacht, umgeben von den Schätzen seines irdischen Lebens.

Nicht zufällig liegt die Casa Mollino direkt am Flusslauf des Po und nicht zufällig gibt es in der ganzen Wohnung nur ein einziges Bett in Form eines Bootes, davor ein blauer Teppich. Und folgt man dieser bizarren Idee weiter, dann ist dieses Apartment nichts anderes als eine Art Mausoleum, das alles enthält, womit sich Mollino in seinen letzten Stunden umgeben wissen wollte.

Der Stil des Interieurs lässt sich nach Mollinos eigener Definition als „moderner Eklektizismus“ charakterisieren. Der habe allerdings nichts mit dem blutleeren Eklektizismus Ende des 19. Jahrhunderts zu tun, sondern in ihm verbinde sich der Wunsch, die Formensprache der Gegenwart mit den künstlerischen Ausdrucksformen der Vergangenheit zu einer neuen Einheit zusammenzuführen. So interagieren in seiner Wohnung moderne Designstücke von Le Corbusier, Eero Saarinen, Paolo Venini, Thonet mit antiken Büsten, japanischen Lampen, Spiegeltüren oder schweren Samtvorhängen, ergänzt durch surrealistische Elemente wie etwa dem mitten in einem goldverzierten Spiegel eingelassenen Kamin. Alles ist mit Symbolik aufgeladen. Auch die Sammlung bunter Schmetterlinge an den Schlafzimmerwänden, die vermutlich für die Seelen der vielen Frauen steht, deren weibliche Verführungskraft Mollino im Laufe seines Lebens fotografisch festhielt. All diese von Schönheit erfüllten Dinge waren geliebte Schätze, die er sich als Sterbebegleitung in eine andere Seinsstufe erwünschte.

Leider blieb ihm der Wunsch versagt, auf diese besondere Weise aus dem Leben zu scheiden. Mollino starb mit 68 Jahren plötzlich in seinem Büro an einem Herzinfarkt. Aber letztlich passt auch das zu ihm. Angesichts seines enorm produktiven Werks muss Mollino ein rastlos Lebender, Arbeitender, Genießender gewesen sein. Er wurde als hagerer, immer adrett gekleideter und frisierter Exzentriker beschrieben, der nach seiner gescheiterten Verlobung lebenslang unverheiratet blieb. Nach einem Studium der Kunstgeschichte und kurzzeitig auch der Ingenieurwissenschaften hatte er sich für die Architektur entschieden. Anschließend ab 1931 arbeitete er im Büro seines Vaters Eugenio, einem bekannten, wohlhabenden Turiner Architekten und Ingenieur.

Mollino hinterließ nicht nur Bauten wie etwa sein Turiner Meisterwerk, das opulent-sinnliche, von surrealistischen Bezügen übervolle Teatro Regio. Auch zahlreiche Möbelentwürfe, allesamt individuell angefertigte Einzelstücke, stammen von ihm. Daneben begeisterte er sich für rasante Sportarten wie Skifahren, Autorennen und Kunstflug. In allen Disziplinen suchte er die technische und ästhetische Perfektion und Weiterentwicklung. Er konstruierte einen Sportwagen, der 1955 am 24-Stunden-Rennen in Le Mans teilnahm, er schrieb ein Lehrbuch über die perfekte Schwungtechnik des Skifahrens, er vervollkommnete die akrobatische Choreographie des Fliegens. Seine vielseitigen Begabungen und Interessen stoben in die unterschiedlichsten Richtungen, kamen jedoch in einem zentralen Leitgedanken zusammen: der Faszination für die Dynamik eleganter Kurven und Linien, sei es im Schnee, auf der Rennpiste, am Himmel, im Möbeldesign oder in der Architektur. Und ebenso auch in der Aktfotografie, denn Mollino war gleichermaßen fasziniert von weiblichen Kurven und Rundungen. Dafür engagierte er wechselnde junge Frauen, fotografierte sie nackt oder in dafür eigens ausgesuchten Kleidern, Schuhen und Dessous in erotischen oder pornografischen Posen, jedoch immer mit einem ästhetisch-künstlerischen Gestaltungswillen. In diesem enormen Spektrum an Hinterlassenschaften darf eine weitere Facette nicht fehlen. Mollino war auch Autor zahlreicher Essays, Artikel, Sachbücher und Romane. In allem aber folgte er seiner Maxime:Alles ist erlaubt, solange es Phantasie enthält.“

Die Casa Mollino, seit 1999 ein sorgsam gehütetes Museum, verdankt ihre Existenz einem beeindruckenden privaten Engagement und Enthusiasmus. Es ist hervorragend gelungen, die sehr besondere Atmosphäre zu bewahren, die dieses intime Reich des phantastischen Carlo Mollino durchströmt.