Chana Orloff

Paris, Frankreich

Porträt von Chana Orloff

Foto: Wikimedia Commons/Avraham Soskin (Ausschnitt) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de

Manche Werke gelingen Frauen einfach besser.

12.07.1888

18.12.1968

www.chana-orloff.org

In ihrem Pariser Atelierhaus ist Chana Orloff noch immer sehr gegenwärtig. Dort erzählen ihre Skulpturen, Porträtbüsten und Zeichnungen von einer starken Frau und einer starken Künstlerin.

Chana Orloff wurde als achtes von neun Kindern in eine jüdisch-ukrainische Familie hineingeboren. Antisemitische Anfeindungen und Pogrome zwangen die Familie 1905, aus der damals zum russischen Zarenreich gehörenden Ukraine nach Palästina auszuwandern. Dort trug Chana mit Näharbeiten zum Familienunterhalt bei. Mit 22 Jahren ging sie allein nach Paris, begann eine Lehre in einem Modeatelier, um – so war der Plan – nach der Rückkehr an ihrer ehemaligen Schule zu unterrichten. Doch es kam anders.

Die Kunstmetropole Paris zog sie unwiderstehlich in ihren Bann. Fasziniert von neuen künstlerischen Ausdrucksformen und vom freien Bohème-Leben, konzentrierte sie sich bald ganz auf ihre Ausbildung im Zeichnen und in der Bildhauerei.

Im Montparnasse-Viertel – „ein wahres Paradies“, wie sie später bekannte – bewegte sie sich in der kosmopolitischen Szene der Avantgardisten, darunter Picasso, Rivera, Cocteau, Modigliani, Zadkine, Soutine, Apollinaire und Chagall. Mit vielen war sie befreundet, viele porträtierte sie. „Zu allererst fasziniert mich der dekorative Aspekt, die Plastizität, wenn Sie so wollen, und die Persönlichkeit“, beschrieb sie ihre Arbeitsweise. „Ich beginne damit, mehrere sehr detaillierte Zeichnungen des Modells anzufertigen, und dann kann ich mit der Bildhauerei beginnen.“

Ihr abstrahierender Stil weist Anklänge an Kubismus und Art Déco auf, geht jedoch nie ganz in diesen Kunstrichtungen auf. Orloff experimentierte mit Bronze, Stein, Marmor und Formbeton. Holz jedoch blieb ihr bevorzugtes Material.

Und sie war gefragt. Seit den 1920er Jahren konnte sie zahlreiche internationale Ausstellungserfolge feiern. Dabei war es alles andere als selbstverständlich, dass sie als Frau in der Bildhauerei – einer klassischen Männerdomäne – reüssierte. Ihre Erklärung: „Manche Werke gelingen Frauen einfach besser.“ Es sei ihr weiblicher Blick auf die Welt und auf die Menschen, die sie von männlichen Künstlern unterscheide. „Ich habe viele Frauenfiguren gefertigt. Schwangere, Witwen, Mütter mit Kind. Warum sie besser sind als die meiner männlichen Kollegen? Weil eine Frau das alles in ihrem Leib, ihrem Fleisch und Blut, nachempfindet.“

1916 heiratete sie den polnischen Dichter Ary Justman. Bereits drei Jahre später starb er an der Spanische Grippe und ließ Chana als alleinerziehende Mutter mit ihrem gemeinsamen einjährigen Sohn Élie zurück. 1926 bezog sie das neu errichtete Atelierhaus, das der befreundete Architekt Auguste Perret in ihrem Auftrag entworfen hatte: ein moderner, funktionaler Betonbau auf drei Ebenen. Das Erdgeschoss mit breiter Glasfront sowie der erste Galeriestock waren dem Atelier vorbehalten, im zweiten Stock lagen die Wohnräume.

Doch erneut zerstörte der Antisemitismus ihre hartnäckig aufgebaute Existenz. Trotz Ausstellungsverbot und ständiger Lebensgefahr blieb Orloff bis 1942 im besetzten Paris und arbeitete zurückgezogen an kleinformatigen „Taschenskulpturen“. Dank der Warnung von Freunden gelang ihr in letzter Minute gemeinsam mit ihrem Sohn die Flucht in die Schweiz.

Als sie 1945 nach der Befreiung von Paris zurückkehrte, fand sie ihr Atelier verwüstet und geplündert vor. Viele Werke waren zerstört oder verschollen. Und wieder begann sie entschlossen und willensstark von Neuem – und konnte sogar an frühere Erfolge anknüpfen. Die Kriegsgräuel hinterließen jedoch deutliche Spuren in ihrem Schaffen, paradigmatisch in der schrundig-expressiven Skulptur „Le retour“, der Figur eines Deportierten, der alles stilisiert Glatte und Fließende fehlt.

Nach der Gründung des Staates Israel 1948 hielt sich Chana Orloff häufiger in ihrer zweiten Heimat auf. Auch dort galt sie als renommierte Künstlerin, schuf mehrere Denkmäler für den öffentlichen Raum sowie eine Porträtbüste von David Ben Gurion. Als sie 1968 zur Vorbereitung einer Ausstellung anlässlich ihres 80. Geburtstags nach Israel reiste, erkrankte sie kurz nach der Ankunft und verstarb wenig später.

In Tel Aviv ist sie begraben. In Paris jedoch spricht sie bis heute durch ihr Atelierhaus und ihre Kunst zu uns: „Ich möchte, dass mein Werk so lebendig ist wie das Leben selbst.“

Chana Orloff und Käthe Kollwitz: zwei Bildhauerinnen, die ihr Frau- und Muttersein zu einem zentralen Thema ihres künstlerischen Schaffens machten. Ihrer beider Kunst ist von tiefer Empathie und Menschlichkeit geprägt – bei Kollwitz stärker anklagend und ernst, bei Orloff  gelassener und heiter.

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