Frida Kahlo
Mexico City, Mexiko
Foto: Wikimedia commons/Guillermo Kahlo, 1932 (Ausschnitt)
06.07.1907
13.07.1954
Was für ein Blau! Hinter diesen kobaltblauen Mauern öffnet sich die Lebenswelt der Frida Kahlo. Es ist ihr Geburtshaus - und zugleich ihr Sterbehaus. Den größten Teil ihres 47 Jahre währenden Lebens verbrachte sie in der Casa Azul, dem "Blauen Haus". Und diese Frida-Welt ist noch immer lebendig, voller Schönheit, Schmerz und Lust. Nicht nur beherbergt das Gebäude viele ihrer Werke, die laut Verfügung ihres Ehemanns Diego Rivera den mexikanischen Staat niemals verlassen dürfen, auch die Wohn- und Arbeitsräume sind ein faszinierendes Abbild ihres Lebens.
Die geräumige, typisch mexikanische Küche mit blauen und gelben Kacheln und unzähligen Tongefäßen sowie das angrenzende Speisezimmer zeugen von der Gastfreundschaft ihrer Bewohner. Eine Treppe führt hinauf zu Fridas Privaträumen. Im lichtdurchfluteten Atelier stehen noch ihr Rollstuhl und die Staffelei, ein Geschenk Nelson Rockefellers. Von ihrem Schlafzimmer aus gelangt man hinunter in den von hohen Mauern umschlossenen Innenhof, ein Gartenparadies voller Bäume, Kakteen und subtropischer Pflanzen. Zu Fridas Zeiten tummelte sich hier ein halber Zoo: Hunde, Affen, Katzen, Papageien, ein Reh und sogar ein Adler.
Das Haus im Stadtteil Coyoacán südlich von Mexiko City war 1904 von Fridas Vater Wilhelm (Guillermo) Kahlo erbaut worden, einem Fotografen, der Ende des 19. Jahrhunderts aus Pforzheim ausgewandert war und dort die Mexikanerin Matilde Calderón y González heiratete. Später in den 1940er Jahren ließ Diego Rivera das Gebäude durch den Architekten Juan O’Gorman erweitern und den Garten mit Anbauten aus landestypischem Vulkangestein gestalten.
In der Casa Azul wurde viel gezecht, geraucht und gelacht – aber auch viel gelitten. Schmerz und Freude: zwischen diesen beiden Polen bewegte sich das Leben dieser vielschichtigen, unkonventionellen Frau. Der Tod ist im Haus allgegenwärtig in Gestalt der Totenköpfe und Skelettpuppen, die zum Repertoire des traditionellen mexikanischen Totenkults gehören.
Krankheiten begleiteten Frida Kahlo fast ihr ganzes Leben lang. Im Schulalter erkrankte sie an Kinderlähmung, ihr rechtes Bein blieb zeitlebens kürzer und dünner. Der zweite Schlag traf sie im Alter von achtzehn Jahren. Eine Straßenbahn entgleiste und rammte den Bus, in dem Frida saß - sie wurde lebensgefährlich verletzt. „Eine vier Meter lange Haltestange war in meine Hüfte eingedrungen, das abgebrochene Ende ragte aus meiner Scheide.“
Es folgte die Tortur monatelanger Bettlägrigkeit, eingesperrt in einen Gipspanzer. Zurückgeworfen auf sich selbst entdeckte Frida die Malerei. Über ihrem Himmelbett wurde - noch heute sichtbar - ein Spiegel angebracht, eine Spezialstaffelei ermöglichte es ihr, im Liegen zu malen. Und sie malte, was sie sah, und vergewisserte sich so ihres eigenen Seins: „Ich bin meine eigene Muse.“
Ihre markante Bildsprache geht nicht in den zeitgleichen Stilrichtungen des Surrealismus und der Neue Sachlichkeit auf. Sie ist vielmehr geprägt vom lateinamerikanischen Lebensgefühl des magischen Realismus, einer spezifischen Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit. Sie male keine Träume, entgegnete sie den französischen Surrealisten um André Breton, sie male ihr Leben.
Sie, die Autodidaktin, zeigt sich in ihren Bildern schonungslos und radikal: ihren zerschundenen Leib, ihre erschütternden Fehlgeburten und ihr schönes Gesicht. Uns begegnet eine stolze Frau mit den charakteristischen zusammengewachsenen Augenbrauen und dem dezenten Damenbart, das schwarze Haar hochgesteckt und mit Blumen und Bändern geschmückt. Der schwere Schmuck, die langen farbkräftigen Röcke, Blusen und Schultertücher waren ein Bekenntnis zur mexikanischen Volkskultur und verbargen gekonnt die körperlichen Gebrechen.
So inszenierte sich Frida sowohl auf ihren Selbstbildnissen als auch im gesellschaftlichen Leben. Es war „der Auftritt einer aztekischen Göttin“, schrieb der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes. Ihre extravagante Garderobe, aber auch ihre Krücken, Beinprotesen und Stützapparate sind heute in einem Nebengebäude der Casa Azul zu sehen.
Ihr Leben lang litt Frida Kahlo unter den Folgen des Unfalls, musste sich zahllosen Operationen unterziehen, wurde in Gips- und Stahlkorsette gezwängt, lebte verzweifelt gegen den Schmerz an - mit Alkohol, mit Drogen - oder verwandelte den Schmerz in Kunst. Zum körperlichen Schmerz kam der seelische, die komplizierte, leidenschaftliche Liebe zu Diego Rivera, dem rund zwanzig Jahre älteren mexikanischen Malerstar, den sie 1929 im Alter von 22 Jahren geheiratet hatte. Für ihre Eltern war es die Verbindung eines Elefanten mit einer Taube. Doch dieses äußerlich so irritierend ungleiche Paar verband vieles: die Malerei, die kommunistisch-revolutionäre Gesinnung und die tiefe Verwurzelung in der indigenen mexikanischen Tradition.
Diego betrog Frida oft und in demütigender Weise, sogar mit ihrer jüngeren Schwester Cristina. Skrupellos ließ er sich seine Promiskuität vom Hausarzt als körperliche Notwendigkeit bescheinigen. „Ich war in meinem Leben Opfer zweier schwerer Unfälle. Der erste geschah, als ich von einer Straßenbahn erfasst wurde. Der zweite, der mir widerfuhr, ist Diego“, bekannte Frida. Sie reagierte ihrerseits, hatte Affären mit Frauen und Männern, darunter auch Leo Trotzki, dem sie auf der Flucht vor Stalin knapp zwei Jahre lang im "Blauen Haus" Unterschlupf gewährte. 1939 ließen sich Diego und Frida scheiden, im darauffolgenden Jahr heirateten sie einander erneut.
„Trotz meiner langen Krankheit fühle ich eine riesige Lebenslust“, heißt es noch 1953 im Tagebuch. Wenige Tage vor ihrem Tod schrieb sie auf das ebenfalls in der Casa Azul ausgestellte Wassermelonen-Bildnis „viva la vida“. Ein letztes Bekenntnis.
Sie starb 1954, zermartert von körperlichen Qualen. Noch ein Jahr zuvor war ihr das rechte Bein wegen des beginnenden Wundbrands bis zum Knie amputiert worden. Ob es eine Lungenembolie oder doch Selbstmord war, bleibt im Dunkeln. Diego Rivera schob durch die Verweigerung einer Obduktion allen Nachforschungen einen Riegel vor.
Das prähispanische Urnengefäß mit ihrer Asche beschließt den Lebenskreis Frida Kahlos in der Casa Azul. Hinter blauen Mauern bewahrt das Haus die Erinnerung an diese faszinierende Künstlerin, die sich mit staunenswerter Kraft dem Leben stellte.