Luis Barragán

Mexico City, Mexiko

Porträt von Luis Barragán

Foto: Creative Commons/Ausschnitt https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Wer die Einsamkeit nicht liebt, kann mit meiner Architektur nichts anfangen.

09.03.1902

22.11.1988

www.casaluisbarragan.org

Das Haus des mexikanischen Architekten Luis Barragán unterläuft alle gängigen Vorstellungen einer einladenden Wohnstätte. Mit seiner hohen, grauverputzten Mauer und den zwei schmalen eisernen Eingangstüren ist es von außen an Nüchternheit und Understatement kaum zu überbieten – eine Absage an alles oberflächlich Repräsentative schon auf den ersten Blick. Und so geht es zunächst weiter.

Ein enger, dämmriger Flur mit einer einfachen Holzbank dient als Wartebereich – eine Art räumlicher Schuhabstreifer, um sich von den Schmutzspuren der Welt zu befreien? Eine zweite Tür muss passiert werden, bevor man in das eigentliche Vestibül gelangt. Doch dann: was für ein Kontrast. Der erste Blick fällt auf eine in leuchtendem Pink grundierte Wand, der zweite auf ein goldenes Quadrat des deutschstämmigen Künstlers Mathias Goeritz, das oben an der Treppe die einfallenden Sonnenstrahlen geradezu feierlich reflektiert. Ein erstaunliches Haus. Viele Bezüge zum internationalen Stil, besonders zu Le Corbusier, sind erkennbar – etwa die freischwebende Holztreppe, eine der Höhepunkte des Rundgangs.

Nach dem Studium der Ingenieurwissenschaften hatte sich Barragán auf Studienreisen nach Europa von Gärten und Bauten inspirieren lassen. Dennoch hat er aus diesen Einflüssen etwas ganz Eigenes geschaffen. Alle seine Werke realisierte er in Mexiko. Klare geometrische Formen verbinden sich mit monochromen Wandflächen, deren kräftige Farben der mexikanischen Volkskunst entlehnt sind. „Die Farbe ist eine Ergänzung der Architektur, sie dient dazu, einen Raum größer oder kleiner erscheinen zu lassen. Außerdem ist sie nützlich, um die Spur von Magie hinzuzufügen, die ein Ort braucht“, schrieb Barragán.

In der original erhaltenen Inneneinrichtung dominieren Naturmaterialen wie Holz, Leder und Wolle. Die Meisterschaft, mit der das Licht als Gestaltungselement eingesetzt wird und die Gegenstände und Farben intensiviert und unablässig verändert, ist charakteristisch für den Stil des Pritzker-Preisträgers. Besagter Architekturpreis, eine Kreation von Henry Moore, steht auf Barragáns Schreibtisch.

Auch Wasser gehört, wie in den maurischen Gärten etwa der Alhambra in Granada, zur architektonischen Inszenierung. Und wie ein weiteres Kunstwerk wirkt die Natur: der in zahllosen Grüntönen wuchernde, von Mauern umschlossene Garten, der sich hinter großformatigen Fenstern entfaltet.

„Nur im Dialog mit der Einsamkeit kann man sich selbst finden“, hat Barragán einmal gesagt. Sein Haus ist die gebaute Vision dieser Lebenshaltung. Heitere, kontemplative Stille durchströmt dieses Domizil, das sich schützend um den Bewohner hüllt. Antike Heiligenfiguren zeugen von der Religiosität des Hausherrn. Der Lärm der Welt bleibt ausgesperrt, selbst die Dachterrasse mit ihren hohen farbigen Wänden lässt keinen Blick nach draußen zu.

Dieses 1947/48 gebaute Wohn- und Atelierhaus, das die Unesco 2004 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen hat und das Barragán bis zu seinem Tod bewohnte, trägt diese Auszeichnung zu Recht. Doch „wer die Einsamkeit nicht liebt, kann mit meiner Architektur nichts anfangen“, meinte Luis Barragán. Das stimmt. Man muss sich meditativ auf die Atmosphäre dieser Architektur einlassen. Inmitten von Schönheit, Frieden und Magie fühlt sich die Seele auf beglückende Weise zu Hause.

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