Vincent van Gogh

Auvers-sur-Oise, Frankreich

Porträt von Vincent van Gogh

Foto: Wikimedia Commons/Selbstbildnis 1887 (Ausschnitt) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele, doch niemand kommt, um sich daran zu wärmen.

30.03.1853

29.07.1890

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Sein Leben sei „an der Wurzel angegriffen“, schrieb Vincent van Gogh wenige Wochen vor seinem Tod an den Bruder Theo. Sein vermutlich letztes Gemälde waren „Baumwurzeln“, ein Motiv, das er ein paar Gehminuten von seiner Herberge entfernt vorgefunden hatte. Es zeigt ein abstraktes Gewirr von hervorquellendem Wurzelwerk. Die letzte Botschaft eines Künstlers, der sich sein Leben lang nach Nähe und Aufgehobensein in einer Gemeinschaft gesehnt hatte. „Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele, doch niemand kommt, um sich daran zu wärmen.“

Vincent van Gogh galt als Sonderling – solitär in seinem Leben wie in seiner Kunst. Er war seiner Zeit voraus, nur wenige verstanden seine eigenwilligen Bilder, geschweige denn kauften sie. Wir kennen ihn von seinen über 35 Selbstporträts. Aber noch immer ranken sich um diesen Künstler Legenden, Spekulationen und offene Fragen. Sein Malerfreund Émile Bernard erinnerte sich an ihn „mit rotem Haar, dem Spitzbart eines Bocks, dem Blick eines Adlers und bissigem Mund; von mittlerem Wuchs, stämmig, aber auch nicht übermäßig, mit lebhaften Gebärden und ruckartigen Schritten.“

In jungen Jahren hatte sich van Gogh durchaus im sogenannten bürgerlichen Leben versucht – als Kunsthändler, Buchhändler, Hilfslehrer, Laienprediger – scheiterte jedoch immer wieder an seinem oft radikalen, provozierenden Verhalten. Auch seine Eltern in Nordbrabant – sein Vater war protestantischer Dorfpfarrer – standen diesem Sohn mit Ratlosigkeit und Unverständnis gegenüber. Er fühle, wie die Eltern vor ihm zurückschreckten, wie vor einem „großen zottigen Hund“, vertraute er Theo an. Der jüngere Bruder, der in Paris seinen Lebensunterhalt als Kunsthändler verdiente, war lebenslang Vincents innigster Vertrauter und unterstützte ihn materiell wie emotional.

Im Alter von 27 Jahren beschloss van Gogh, Maler zu werden. Zunächst konzentrierte er sich auf die Darstellung einfacher, mittelloser Menschen, gemalt in dunklem, erdigem Kolorit. Erst in den folgenden Jahren in Paris, als er mit dem Impressionismus und japanischem Holzdruck in Kontakt kam, hellte sich seine Farbpalette auf und intensivierte sich später im südfranzösischen Arles zu einem wahren Farbenrausch. Hier entstanden Meisterwerke wie die „Sonnenblumen“, „Sternennacht“ und „Nachtcafé“.

Seine Bilder – Porträts, Landschaften, Stillleben – zeigen die Welt, wie er sie sah und empfand. Es ist sein ganz eigener, subjektiver Blick auf die Wirklichkeit, verfremdet und abstrahiert in kraftvoll leuchtenden Farben.

In Arles wollte van Gogh endlich seinen Traum von einer Künstler-WG verwirklichen. Allein Paul Gauguin folgte, nicht ganz freiwillig, dem Ruf. Doch die so sehnsüchtig erhoffte Künstlergemeinschaft endete bereits nach zwei Monaten in einem fatalen Streit, aus dem Vincent mit einem verstümmelten linken Ohr hervorging. Vermutlich hatte er sich selbst aus Verzweiflung diese Verletzung zugefügt. Gauguin reiste ab, Vincent blieb, zurückgeworfen auf seinen seelischen Schmerz und seine Einsamkeit.

Das Misstrauen der Nachbarn gegenüber den unberechenbaren Ausbrüchen des Künstlers führte schließlich dazu, dass sich van Gogh freiwillig in die Nervenheilanstalt Saint-Rémy einweisen ließ. Dort malte er besessen weiter, mehrmals unterbrochen von psychotischen Krankheitsschüben. Nach einem Jahr hielt er die Isolation nicht länger aus. „Ich brauche Luft, ich gehe ein vor Langeweile und Kummer“, schrieb er an Theo.

Das Dorf Auvers-sur-Oise nordwestlich von Paris schien der geeignete Ort für einen Neubeginn zu sein. In der ländlichen Idylle hatten bereits um die Jahrhundertmitte Pleinair-Maler wie Daubigny, Cézanne und Pissarro ihre Staffeleien aufgestellt. Zudem praktizierte dort der Nervenarzt Dr. Paul Gachet, bestens bekannt in avantgardistischen Künstlerkreisen. Doch van Gogh hatte Bedenken: „Ich glaube, auf Doktor Gachet darf man in keiner Weise rechnen. Erstens ist er meiner Meinung nach kränker als ich, oder sagen wir, ebenso krank wie ich.“

Im Mai 1890 mietete sich van Gogh schließlich in einer kargen Dachkammer in der „Auberge Ravoux“ ein, 3,50 Franc täglich für Kost und Logis. Im rustikal eingerichteten Gastraum, in dem er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte, herrscht noch heute die Wirtshaus-Atmosphäre einer vergangenen Zeit.

Kurz nach seiner Ankunft schrieb van Gogh: „Der Ausblick auf das Kommende verdüstert sich, ich sehe durchaus keine glückliche Zukunft vor mir.“ Seine Malerei sei doch „aber von allem, was ich machen kann“ noch „am wenigsten schlecht. Das übrige, Beziehungen zu Menschen, ist recht zweiten Ranges, denn dazu habe ich kein Talent. Das lässt sich nun mal nicht ändern.“ Siebzig Lebenstage blieben dem Maler in Auvers-sur-Oise und noch einmal steigerte sich seine künstlerische Ausdruckskraft und Produktivität ins Rauschhafte.

Am 27. Juli zog er wie jeden Tag mit Staffelei und Farbenkoffer hinaus ins Freie. Dort schoss er sich vermutlich selbst eine Kugel in die Brust und schleppte sich schwerverletzt zurück in seine Mansarde. Nach zwei Tagen starb er im Beisein von Theo. Er wurde nur 37 Jahre alt.

Seine winzige Dachkammer ist heute leer bis auf einen Holzstuhl, der auf ein Motiv in seinen Werken verweist. An der Wand sind noch die Löcher erkennbar, an denen er seine Bilder zum Trocknen aufhing. Es ist genau diese Leere, die eine nächstmögliche Nähe zu Vincent van Gogh erfahrbar macht. Denn nicht durch materielle Besitztümer spricht er zu uns, sondern allein durch seine Bilder und Briefe. Sein Grab auf dem Friedhof von Auvers grenzt an die „endlos weiten Kornfelder unter trüben Himmeln“, so wie er sie wenige Tage vor seinem Tod in einem Gemälde festgehalten hat.

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