Federico Garcia Lorca

Granada, Spanien

Porträt von Federico Garcia Lorca

Foto: Wikimedia commons/Unknown author, 1932 (Ausschnitt)

Wenn ich sterbe, lasst den Balkon geöffnet.

05.06.1898

19.08.1936

www.huertadesanvicente.com

1936, im Todesjahr Federico Garcia Lorcas, lag das Haus der Familie Lorca noch am Stadtrand von Granada. Der Vater, ein wohlhabender Landwirt, hatte die "Huerta de San Vicente" bereits 1925 als Sommersitz für seine Familie erworben. Hier, inmitten von Obstbäumen und Feldern, ließ sich der glühenden Hitze der Stadt leichter entkommen. Federico Garcia Lorca, der wohl bekannteste Dichter und Dramatiker der modernen spanischen Literatur, verbrachte mit seinen Eltern und den drei Geschwistern viele Sommer in der ländlichen Idylle Andalusiens.

In diesem schlichten, weißgetünchten Landhaus, damals umgeben von üppiger Vegetation, sind viele seiner Werke entstanden. „Im Garten blühen so viel Jasmin und Nachtschatten, dass wir alle am Morgen unter lyrischem Kopfschmerz leiden“, schrieb Lorca einmal an Freunde.

Die Unbeschwertheit jener Zeit lässt sich in den original erhaltenen Räumen noch immer erahnen. Das Esszimmer mit dunklen spanischen Holzmöbeln, das Wohnzimmer mit dem Flügel, an dem der musisch begabte Sohn viele Stunden verbrachte - alles spricht von einem geselligen, kultivierten Miteinander. Im Obergeschoss lagen die Schlafräume der Familie. Federico bewohnte ein kleines Zimmer mit kaum mehr als Bett und Schreibtisch. Ein schmaler Balkon mit schmiedeeisernem Geländer öffnet den Raum nach draußen - ganz so, wie es Lorca in seinem Gedicht „Despedida“ (Abschied) beschwört:

„Wenn ich sterbe, lasst den Balkon geöffnet.
Das Kind isst Orangen (Von meinem Balkon aus seh ich’s).
Der Schnitter mäht das Korn (Von meinem Balkon aus spür ich’s).
Wenn ich sterbe, lasst den Balkon geöffnet.“

Doch sein Sterben entbehrte jeglicher Poesie. Um das Haus, in das Lorca im Juli 1936 aus dem damals noch sicheren Madrid anreiste, zogen sich dunkle Schatten zusammen. Federico hatte den Sommer bei seinen Eltern verbringen wollen, doch am 18. Juli putschte das Militär unter General Francisco Franco gegen die junge spanische Republik. Es war der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, der das Land in die bis 1975 währende Franco-Diktatur führen sollte.

In Granada konnten die rechtsradikalen Franco-Anhänger schnell Fuß fassen. Nachdem Manuel Fernández Montesinos, sozialistischer Bürgermeister der Stadt und Ehemann von Lorcas Schwester Concha, verhaftet worden war, suchte Federico Zuflucht im Haus eines Freundes. Doch am 16. August - genau an dem Tag, an dem sein Schwager von Francos faschistischer Falange ermordet wurde - wurde auch Lorca aufgespürt und festgenommen. Im Morgengrauen des 19. August, vermutlich auf der Straße von Viznar nach Alfacar, trafen ihn hinterrücks die tödlichen Kugeln. „Paseo“ (Spaziergang)  nannten die Schergen zynisch diesen Gang in den Tod.

Wie Abertausende seiner republikanisch gesinnten Landsleute wurde auch Federico Garcia Lorca, damals gerade 38 Jahre alt, an Ort und Stelle verscharrt - irgendwo auf den Feldern vor den Toren seiner Heimatstadt. Bis heute gibt es keinen gesicherten Fundort, keinen Grabstein. Nur einen Gedenkstein mit der Aufschrift „Lorca eran todos“  (Alle waren Lorca). Denn genau das war die perfide Absicht der Faschisten: das Vergessen, die Namenlosigkeit der Opfer – ganz im Gegensatz zu ihrem eigenen pompösen Personenkult, der bis heute im monumentalen „Tal der Gefallenen“ zum Ausdruck kommt.

Doch Lorca, von dem seine Mörder behaupteten, er habe mit der Feder mehr Schaden angerichtet als andere mit dem Gewehr, war kein Namenloser. Er war berühmt, charismatisch, als Mensch wie als Künstler. Er war befreundet mit Salvador Dali, Luis Buñuel, Manuel de Falla und Pablo Neruda. Sein Dichterkollege Rafael Alberti schwärmte bereits nach der ersten Begegnung: „An dem ganzen Federico war etwas Magisches, Unwiderstehliches – duende, das gewisse Etwas. Wie sollte man ihn je wieder vergessen, wenn man ihn einmal gesehen und gehört hatte!“

Politisch aktiv war Lorca nicht. Allein sein Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie, seine Kritik an Unterdrückung und Unrecht und nicht zuletzt seine damals gesellschaftlich tabuisierte Homosexualität genügten, um ihn zum Feind der Faschisten zu machen. Zeit seines Lebens war es ihm nicht möglich gewesen, offen zu seinem Begehren zu stehen. Homosexualität galt im katholischen Spanien als Todsünde. Lorca verbarg sie - vor der Öffentlichkeit ebenso wie vor der Familie.

Wie Lorcas Gedichte und Theaterstücke hat auch die "Huerta de San Vicente" die Zeit des Franco-Regimes überdauert. Sie hält gemeinsam mit der Ausstellung im Centro Federico Garcia Lorca mitten in Granada die Erinnerung an den Dichter wach. Und doch ist nicht zu übersehen: das offizielle Erinnerungsbild Lorcas wie auch das der Franco-Ära weist noch immer erstaunlich viele blinde Flecken auf.

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