Martin Luther
Wittenberg, Deutschland
Foto: Wikimedia commons/Lucas Cranach d.Ä. (Ausschnitt)
10.11.1483
18.02.1546
Martin Luther straft all jene Lügen, die glauben, ein Einzelner könne in dieser Welt nichts Grundlegendes bewirken. Luthers Wirken hat in der abendländischen Welt ein Beben ausgelöst, dessen Ausläufer bis heute spürbar sind. Und diese Umsturzkraft speiste sich nicht etwa aus der Gewalt des Schwertes, sondern aus der Gewalt des Wortes.
Freilich, wie so oft in Zeiten des Umbruchs, bedurfte es bestimmter Konstellationen und Voraussetzungen, um eine solche Reformation - oder vielmehr Revolution - überhaupt zu ermöglichen. Im Falle Luthers war es vor allem die Erfindung des Buchdrucks um 1450, die ihm den Weg eröffnete, mit Büchern und Flugschriften seine Anschauungen in die Köpfe und Herzen der Menschen zu tragen. Und dies nicht in der elitären Sprache des Latein, sondern in der deutschen Sprache, der Alltagssprache des Volkes.
Luther, der mit 22 Jahren gegen den Willen seines Vaters sein Jurastudium an den Nagel gehängt hatte und als Mönch in das Erfurter Augustinereremitenkloster eingetreten war, kam nach der Priesterweihe in das Wittenberger Augustinerkloster und wurde dort wenige Jahre später Professor für Bibelerklärung. Sein Glaubensverständnis hatte sich in dieser Zeit durch intensives Bibelstudium und existentielle Krisen weiter ausgeformt. Immer stärker wurde ihm die Diskrepanz zwischen dem biblischen Wort Gottes und der Kirche seiner Zeit bewusst.
Auslöser für seine Widerständigkeit gegenüber der Institution Kirche war deren Ablasshandel, Heiligenverehrung und Reliquienkult. Luther warf der Kirche vor, die Ängste der Menschen vor dem Jenseits auszunutzen und ihnen vorzugaukeln, dass sie sich bereits im diesseitigen Leben durch Geld und rituelle Handlungen von Sünden und damit von der Strafe des Fegefeuers freikaufen könnten. Mit ihren Ablassbriefen maße sie sich an, über das Jenseits zu verfügen - aus Luthers Sicht eine ungeheure gottlose Anmaßung. Er sprach der Institution Kirche, „des Teufels Grundsuppe“, die Legitimation ab, über das Seelenheil der Menschen zu bestimmen. Allein der Glaube an Gott und seine Gnade könne den Menschen retten, er bedürfe keiner priesterlichen Bevormundung. Diese unmittelbare Beziehung des Gläubigen zu Gott war ein radikaler Schritt hin zur Emanzipation und Selbstverantwortung des Individuums. Dessen Freiheit sah Luther einzig durch das in Gott gebundene Gewissen begrenzt. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“
Am 31. Oktober 1517 hämmerte Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Wittenberger Schlosskirche - so zumindest will es die Legende. Historisch wahrscheinlicher ist, dass er sein Thesenpapier zunächst lediglich Kollegen und Vorgesetzten zukommen ließ, um eine Debatte anzustoßen – „Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen.“ Gleichwohl setzte er mit seiner Protestschrift eine gesamtgesellschaftliche Erschütterung und Dynamik in Gang, deren Ausmaß er weder vorausgesehen noch beabsichtigt hatte. Luther wollte die abendländische Kirche reformieren, nicht spalten. Doch im Ringen um die rechte Lehre wurde er wider Willen zum Rebell: „Je mehr sie toben, umso weiter schreite ich aus.“
Die römisch-katholische Kirche sah sich in ihrer Autorität und in ihrem Glaubensmonopol bedroht und reagierte mit dem Kirchenbann. Luther wurde zum Ketzer erklärt. Im April 1521 wurde er vor den Reichstag in Worms geladen, um vor Kaiser Karl V. und den Reichsfürsten seine Position zu widerrufen. Doch Luther weigerte sich. Trotz der drohenden Reichsacht stellte er sich gegen die kirchliche wie auch gegen die weltliche Macht: „Mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun.“
Von nun an war Luther vogelfrei. Er musste untertauchen, denn jedermann hatte das Recht, ihn zu töten oder gefangen zu nehmen. Sein ihm wohlgesonnener Landesherr, der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise, ließ einen Überfall simulieren und brachte ihn auf die Wartburg. Dort als „Junker Jörg“ mit Bart und vollem Haupthaar verbrachte Luther zehn Monate lang inkognito. In dieser Zeit übersetzte er in einem gewaltigen Kraftakt das Neue Testament ins Deutsche. Diese Bibelübersetzung war ein theologischer wie literarischer Meilenstein. Sie ermöglichte es jedem Lesekundigen, sich ohne priesterliche Vermittlung mit Gottes Wort vertraut zu machen und prägte zugleich in hohem Maße die deutsche Sprache – bis heute. Ganz selbstverständlich verwenden wir Luthers schöne Sprachschöpfungen wie „Wolf im Schafspelz“, „Buch mit sieben Siegeln“, „Lockvogel“, „Schandfleck“, „Gewissensbisse“, „Feuereifer“ „Herzenslust“ „Lückenbüßer“ oder „Wissensdurst“.
1552 kehrte Luther, trotz der gegen ihn verhängten Reichsacht, ins Wittenberger Kloster zurück. Die abendländische Welt war durch seine reformatorischen Schriften längst in Bewegung geraten. Viele Nonnen und Mönche verließen die Klöster, Pfarrer heirateten, die Sakramente wurden auf Taufe und Abendmahl reduziert. Im Gottesdienst rückte das biblische Wort ins Zentrum - in Predigt und Gesang, denn viele Kirchenlieder stammten aus Luthers eigener Feder.
Im Jahr 1525 heiratete Luther im Alter von 41 Jahren Katharina von Bora, eine ehemalige Nonne, die sich unter dem Einfluss seiner Lehre vom Klosterleben abgewandt hatte. Sechs Kinder gingen aus der Ehe hervor. Die Familie lebte im aufgelösten Wittenberger Augustinerkloster, das Luther 1532 vom Kurfürsten übereignet wurde. Zeitweise gehörten bis zu vierzig Personen zum Haushalt, darunter auch Studenten, die mit Kost und Logis zum Einkommen der Luthers beitrugen. Das Haus war Katharinas Domäne. Und sie verstand es, klug zu wirtschaften und der Familie durch Landerwerb, Ackerbau und Viehzucht eine solide wirtschaftliche Basis zu schaffen.
Unterstützt von seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon setzte Luther seinen Kampf für die Verbreitung der Reformationslehre fort, hielt Vorlesungen, predigte und schrieb in deutscher Sprache. Die Lutherstube im ersten Stock des Hauses wurde zum ideellen Zentrum dieses Wirkens. Tisch, Kastensitz und Bänke sowie Teile der Wandtäfelung und des Fußbodens sind original erhalten. Hier zog sich der Reformator nach den Mahlzeiten mit Freunden und Kollegen zu den berühmten Tischgesprächen zurück.
Doch trotz aller Erfolge stellten sich mit den Jahren Enttäuschung und Schwermut ein. Die erhoffte Erneuerung der gesamten Kirche blieb aus, stattdessen verfestigte sich die Spaltung. Darüber hinaus äußerte sich Luther zunehmend polemisch gegenüber dem Islam und dem Judentum, die sich seiner Auffassung nach dem christlichen Glauben verweigerten. Er distanzierte sich auch von den blutigen Bauernaufständen, in denen seine als friedvoll gedachte Volksbewegung in Gewalt umgeschlagen war. Mit Freiheit im politischen Sinne wusste Luther wenig anzufangen.
1546 starb Luther in seiner Geburtsstadt Eisleben, die er bereits gesundheitlich angeschlagen besucht hatte, um in einem Zwist zu schlichten. Er wurde in der Wittenberger Schlosskirche beigesetzt, die ebenso wie das Wohnhaus Luthers seit 1996 zum Unesco Weltkulturerbe gehört. Und der Ort, von dem aus seine Reformationslehre in die Welt hinausströmte, trägt seit vielen Jahrzehnten den Namen „Lutherstadt Wittenberg“.