Philipp Melanchthon
Wittenberg, Deutschland
Foto: Wikimedia commons/Lucas Cranach d.Ä. (Ausschnitt)
16.02.1497
19.04.1560
Die Gestalt Martin Luthers verdeckt nur allzu oft die seines Mitstreiters Philipp Melanchthon. Und doch ist der Erfolg der Reformationsbewegung ohne dessen Mitwirken kaum denkbar. Luther und Melanchthon waren ein Team, verbunden durch eine von gegenseitiger Achtung getragene, wenngleich nicht spannungsfreie Freundschaft.
Hinzu kamen die physiognomischen und charakterlichen Unterschiede. Der vierzehn Jahre ältere Luther, lebensvoll, kämpferisch, impulsiv; Melanchthon hingegen schmächtig, abwägend, vermittelnd. „Ich muss die Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen, und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muss. Aber Magister Philippus fahret säuberlich und stille daher, bauet und pflanzet, säet und begießet mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.“ So beschrieb Luther ihrer beider Gegensätzlichkeit.
Melanchthon begegnete Luther erstmals 1518, als er im Alter von 21 Jahren eine Professur an der Wittenberger Universität antrat. Sein Pforzheimer Mentor Johannes Reuchlin hatte ihn dem sächsischen Kurfürsten für den neu eingerichteten Lehrstuhl für Altgriechisch empfohlen. Reuchlin hatte früh Melanchthons Hochbegabung erkannt und dessen Studien der alten Sprachen - Griechisch, Latein und später auch Hebräisch - gefördert. Er war es auch, der nach Humanistenmanier dessen deutschen Namen Philipp Schwarzerdt ins Griechische („Melanchthon“) übertrug.
Als Sohn eines Waffenschmieds und einer Bürgermeisterstochter im ehemals kurpfälzischen Städtchen Bretten geboren, schlug Melanchthon früh die akademische Laufbahn ein. Bereits als Zwölfjähriger begann er sein Studium in Heidelberg, wechselte anschließend nach Tübingen und erwarb dort mit siebzehn den Magistertitel. Melanchthon war ein Universalgelehrter, dessen Kenntnisse weit über die alten Sprachen hinaus nahezu alle Wissensgebiete seiner Zeit umfassten.
Schon seine Wittenberger Antrittsvorlesung begeisterte sein Publikum - nicht zuletzt Luther selbst. Mit Nachdruck formulierte Melanchthon darin die Dringlichkeit einer Studien- und Bildungsreform. Erst die Rückkehr zu den Quellen („ad fontes“), unverstellt vom Wissen aus zweiter Hand, ermögliche wahre Erkenntnis. Es ist kein Zufall, dass Humanisten wie Erasmus von Rotterdam und Johannes Reuchlin zu seinen Vorbildern zählten, hatte doch der europäische Humanismus sich genau dies auf seine Fahnen geschrieben: über das Studium der Urtexte zu umfassender Bildung und damit zu wahrer Menschwerdung zu gelangen. Oder in Melanchthons eigenen Worten: Wer keine genaue Textexegese betreibe, „renne wie ein Schwein in die Rosen.“
Auch Luthers Reformationsideen zielten auf eine Einheit von Glauben und Bildung. Und der von ihm bewunderte „Graeculus“ (kleiner Grieche) machte bald Luthers Sache zu seiner eigenen. Er wurde für Luther ein loyaler Weggefährte und Verbündeter in den theologischen und kirchenpolitischen Turbulenzen jener Jahre. Dabei blieb Melanchthon stets der Gelehrte, hielt Vorlesungen, verfasste unzählige Briefe, Traktate und Lehrbücher, wurde Rektor der Wittenberger Universität und wirkte als gefragter Gutachter und Berater bei Schul- und Universitätsgründungen. Er war überzeugt: „Wer Schulen gründet und die Wissenschaften pflegt, der macht sich um sein Volk und die ganze Nachwelt besser verdient, als wenn er neue Silber- und Goldadern fände.“ Das Porträt, das Albrecht Dürer 1526 in Nürnberg von ihm anfertigte, ließ Melanchthons Bekanntheit noch weiter anwachsen.
Melanchthon war es auch, der Luther zur Bibelübersetzung anregte und ihn mit seiner Gelehrsamkeit und philologischen Genauigkeit unterstützte. Zudem verfasste er mit den „Loci communes“ die erste Dogmatik der reformatorischen Theologie. Als Luther, unter Reichsacht stehend, das Territorium seines sächsischen Schutzherrn nicht verlassen durfte, vertrat Melanchthon ihn 1530 auf dem Augsburger Reichstag. Von ihm stammt die zentrale Bekenntnisschrift „Confessio Augustana“, mit der sich die lutherisch gesinnten Reichsstände gegenüber Kaiser Karl V. positionierten.
Melanchthon war ein Geistesmensch durch und durch. Er musste von Luther regelrecht dazu gedrängt werden, seine Nase einmal von den Büchern zu heben und sich nach einer Frau umzusehen. 1520 heiratete er schließlich als 23-Jähriger die gleichaltrige Katharina Krapp. Vier Kinder gingen aus der Ehe hervor. 1536 finanzierten ihm der Kurfürst und die Universität den Bau eines Hauses - nicht zuletzt, um den beliebten und berühmten Professor in Wittenberg zu halten.
Das dreigeschossige Gebäude mit seinem gestaffelten Renaissancegiebel gilt bis heute als eines der schönsten Bürgerhäuser der Stadt. Hinter dem Haus erstreckt sich ein nach historischen Vorlagen angelegter Kräutergarten. In den meisten Innenräumen sind Mauernischen eingelassen, die der Hausherr für seine umfangreiche Büchersammlung nutzte. Die Wappen im sogenannten Scholarenzimmer erinnern an seine Studenten, die bei ihm zur Miete wohnten. Melanchthon schätzte den freundschaftlichen Gedankenaustausch: „Wir sind zum Gespräch miteinander geboren.“
In diesem Haus starb Melanchthon im Alter von 63 Jahren. Auch dem Tod begegnete er mit nahezu wissenschaftlicher Neugier und versicherte sich: „Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in diesem Leben nicht verstehen konntest.“
Bestattet ist Melanchthon - wie Luther - in der Wittenberger Schlosskirche. Sein Grabmal befindet sich nicht etwa hinter dem Luthers, sondern ihm gegenüber. Ganz so, wie es Melanchthons historischer Bedeutung angemessen ist.