Charlie Chaplin

Corsier-sur-Vevey, Schweiz

Porträt von Charlie Chaplin

Foto: Wikimedia Commons/1921 (Ausschnitt)

Das Leben ist berauschend, es ist wunderbar. Selbst für eine Qualle.

16.04.1889

25.12.1977

www.chaplinsworld.com

Charlie Chaplins Tramp ist eine der berühmtesten Figuren der Filmgeschichte. Unvergesslich die schlabbrige Hose, die ausgelatschten Schuhe, der drückend enge Frack – und natürlich das Bambusstöckchen und die schwarze Melone. Eine schmächtige, abgerissene Gestalt, schon in ihrer Erscheinung ein einziger Widerspruch. Der Tramp, „a gentleman, a poet, a dreamer, al lonely fellow, always hopeful of romance and adventure“, rettet sich mit Chuzpe durch alle Widrigkeiten und Demütigungen, ohne seine Würde und den „Zauber des Gefühls“ preiszugeben – so beschrieb ihn sein Erfinder. In den Filmklassikern „The Kid“ (1921), „Goldrausch“ (1925) und „Lichter der Großstadt“ (1931) lief er zur Hochform auf.

Chaplin konnte diese legendäre Rolle wohl nur deshalb so überzeugend verkörpern, weil in ihr ein gutes Stück eigener Lebensgeschichte steckte. Als Sohn armer Varietékünstler wuchs er mit seinem Halbbruder Sydney in den Elendsvierteln von London auf. Durch die Trennung der Eltern, die Trunksucht des früh verstorbenen Vaters und die psychische Erkrankung der Mutter war er früh auf sich allein gestellt. Ein Underdog, der in seinem Überlebenskampf nicht selten an Figuren aus den Romanen von Charles Dickens erinnert.

Schon als Kind zog es Chaplin auf die Bühne, als Jugendlicher schloss er sich einer Wandertheatertruppe an. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde sein komödiantisches Talent während einer Amerika-Tournee für den Film entdeckt. In den folgenden Jahren avancierte er zum Leinwandstar, wurde Millionär und zugleich sein eigener Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. Auch den Soundtrack zu seinen Filmen prägte er maßgeblich selbst.

Chaplin wurde euphorisch gefeiert. Seine Slapstick-Kaskaden, seine pantomimische Meisterschaft – all das war eine Sprache, die weltweit verstanden wurde. Auch als Ende der 1920er Jahre die Ära des Tonfilms hereinbrach, hielt er noch eine Zeitlang erfolgreich an Stummfilmen fest. Und diese Filme gingen weit über bloßen Klamauk hinaus. Chaplin war ein kritischer Beobachter der politischen und sozialen Verhältnisse seiner Epoche.

In „Moderne Zeiten“ (1936) karikierte er die menschenunwürdige Fließbandarbeit. In „Der große Diktator“ (1940) persiflierte er die fatale Hybris Hitlers und positionierte sich mutig gegen das NS-Regime: „Wenn die Verrückten die höchsten Posten erreichen, muss der Schauspieler ins Spiel kommen.“ Es war sein erster Tonfilm – und zugleich der Abschied von seiner ikonischen Figur des Tramp.

Die Umbrüche im Filmgeschäft nagten an seinem Selbstverständnis. In „Rampenlicht“ (1952) reflektierte er melancholisch das Älterwerden in der Figur des Clowns Calvero, dem die Fähigkeit abhandengekommen war, sein Publikum zum Lachen zu bringen. Auf dem Weg zur Londoner Premiere erhielt der 63-Jährige, der seine britische Staatsbürgerschaft nie aufgegeben hatte, die Nachricht, dass sein Visum wegen „unamerikanischer Umtriebe“ nicht länger anerkannt werde und er in den USA nicht mehr erwünscht sei. Im Hetzklima der McCarthy-Ära witterte man in ihm einen Kommunisten. „Wenn man zum Beispiel von der Bordsteinkante tritt – also, wenn man mit dem linken Fuß von der Bordsteinkante tritt, wird man gleich beschuldigt, ein Kommunist zu sein“, konterte Chaplin. Er verstand sich als humanistisch gesinnter Weltbürger. „Ich bin, was man einen Friedenshetzer nennt.“

Der Rauswurf aus seiner Wahlheimat verbitterte ihn. Er entschied sich, mit seiner Familie im europäischen Exil zu bleiben. 1943 hatte der 54-jährige Chaplin die 18-jährige Oona geheiratet, Tochter des US-Dramatikers Eugene O‘Neill. Diese vierte Ehe brachte endlich Ruhe in sein zuvor unstetes, skandalumwittertes Leben. Von seinen elf Kindern stammten acht aus der Ehe mit Oona.

Ende 1952 erwarb Chaplin in der Schweiz die neoklassizistische Villa „Manoir de Ban“, umgeben von einem weitläufigen Park. Mit Blick auf die Alpen und den Genfer See lebte er dort 25 Jahre bis zu seinem Tod.

Seit 2016 befindet sich auf dem Anwesen „Chaplin‘s World“. Der Museumsneubau bietet einen unterhaltsamen, multimedialen Rundgang durch Chaplins filmisches Schaffen mit rekonstruierten Filmsets, Requisiten und interaktiven Stationen. Der Spielfreude der Besucher sind kaum Grenzen gesetzt. Zugleich gewährt der ehemalige Wohnsitz Einblick in das private Leben der Chaplins: das Esszimmer, das Wohnzimmer mit Klavier und Geige des musikbegeisterten Hausherrn, die Bibliothek, in der er seine Autobiografie schrieb. Und sein Schlafzimmer, in dem er im Alter von 88 Jahren starb.

Der tragikomische Epilog, drei Monate nach seinem Tod, hätte chaplinesker kaum sein können: Zwei Grabräuber entwendeten den schweren Eichensarg und vergruben ihn in einem Maisfeld. Die Leichenkidnapper hatten es auf Lösegeld abgesehen, wurden jedoch geschnappt. Dummerweise erinnerten sie sich nicht mehr an die genaue Stelle ihres Verstecks. Erst mit Metalldetektoren gelang es der Polizei, den toten Chaplin wiederzufinden.

Auch in „Rampenlicht“ stirbt am Ende der Clown Calvero. Aus seinen Worten, mit denen er der jungen Sängerin Terry Mut macht, spricht unverkennbar Chaplin selbst: „Das Leben ist berauschend, es ist wunderbar. Selbst für eine Qualle!“

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