Winston Churchill
Westerham (Chartwell), England
Foto: Wikimedia Commons/Yousuf Karsh,1941 (Ausschnitt)
30.11.1874
24.01.1965
Wenn man als Adliger in einem Prachtschloss das Licht der Welt erblickt, ist es vermutlich leicht, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Winston Churchill wurde 1864 im Blenheim Palace nahe Oxford geboren, einem der beeindruckendsten Schlösser Englands – bis heute. Er war ein Nachfahre von John Churchill, dem 1. Herzog von Marlborough, der 1704 gemeinsam mit seinem Verbündeten Prinz Eugen von Savoyen in der Schlacht bei Höchstädt gegen den französischen König Ludwig XIV. gesiegt und für seine Verdienste vom britischen Königshaus den Herzogstitel samt Schloss erhalten hatte. Daraus zog Churchill ironisch-selbstbewusst den Schluss: „Wir sind alle nur Würmer. Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm.“
Doch etwas Besonderes schienen weder seine Eltern noch seine Lehrer in ihm zu sehen. Der Vater, Politiker der konservativen Partei, die Mutter, eine lebenslustige amerikanische Millionärstocher, kümmerten sich emotional kaum um den kleinen Winston. In den Eliteinternaten, in die er geschickt wurde, fiel er als sturköpfiger Schulversager auf. „Meine Lehrer hatten Zwangsmittel in weitgehendem Maße zur Verfügung, aber alles prallte an mir ab. Wo mein Interesse, meine Vernunft oder meine Fantasie nicht aufgerufen waren, wollte ich oder konnte ich nicht lernen“, kommentierte Churchill später diesen „finsteren Fleck“ seiner Biografie.
Erst während der anschließenden Militärausbildung blühte er regelrecht auf. Nun holte er freiwillig Wissen nach, nahm als Offizier an mehreren Kolonialkriegen des Empire teil und machte aus seinen Erlebnissen als Kriegsreporter erfolgreiche Zeitungsartikel und Bücher. Durch und durch sozialisiert in der Tradition des britischen Weltreichs, war Churchill fraglos Monarchist und Imperialist. „Das Britische Empire ist für mich das A und O. Was für das Empire gut ist, ist auch für mich gut; was für das Empire schlecht ist, ist auch für mich schlecht.“
1901 errang er seinen ersten Sitz im Unterhaus. Damit begann seine mehr als sechzig Jahre währende Auf-und-Ab-Laufbahn als Parlamentsabgeordneter – zunächst bei den Konservativen, dann bei den Liberalen und schließlich erneut bei den Konservativen. Während seines Politikerlebens bekleidete Churchill unterschiedliche Regierungsämter und war zweimal Premierminister.
Mit seinem exzentrischen, volteschlagenden Auftreten polarisierte Churchill bereits zu Lebzeiten. Er mochte das gute Leben, seine obligatorische Zigarre, sein Alkoholgenuss waren legendär. „Ohne Champagner könnte ich nicht leben. Bei Siegen verdiene ich ihn. Bei Niederlagen brauche ich ihn.“
Neben seiner politischen Tätigkeit spielte auch das Schreiben eine wichtige Rolle in seinem Leben. Er verfasste über vierzig meist historische Bücher und mehr als tausend Zeitungsartikel. Ein nicht geringer Teil seines Einkommens stammte aus den hohen Honoraren, mit denen er seinen herrschaftlichen Lebensstil finanzierte.
Sein Landsitz Chartwell ist ein Spiegel dieses Lebensstils. Winston und Clementine, mit der er seit 1908 verheiratet war, erwarben 1922 das rund 30 Hektar große Anwesen südlich von London. Bereits auf den ersten Blick war Churchill von der Aussicht auf die weitläufige Hügellandschaft der Grafschaft Kent fasziniert: „Der Standort ist der schönste und bezauberndste Platz, den ich je gesehen habe.“
Das auf einer Anhöhe gelegene Herrenhaus aus rotem Backstein wurde von dem Architekten Philip Tilden renoviert und erweitert. Bei der Gestaltung des Parks legte Churchill oft selbst Hand an, zog Mauern hoch, half beim Ausheben der beiden Seen, baute für seine drei älteren Kinder ein Baumhaus und erfreute seine jüngste Tochter Mary mit einem eigenen Backsteinhäuschen zum Spielen. Hunde, Katzen, Schweine, Rinder, Schafe, Fische, Schwäne und Gänse belebten das Gelände. In Chartwell war Churchill Privat- und Familienmensch, hier empfing er Gäste wie Charlie Chaplin oder Lawrence von Arabien. „Jeder Tag, an dem ich nicht in Chartwell bin, ist ein vergeudeter Tag. Jede Minute des Tages bringt mir hier neue Freuden“, bekannte er.
Vor allen in den 1930er Jahren, als er ohne politisches Mandat dastand, zog er sich auf seinen Landsitz zurück. Lebenslang von depressiven Schüben geplagt, begann er zu malen. Die Kunst blieb fortan sein seelischer Rettungsanker. Über 500 Bilder hat Churchill geschaffen, vorwiegend Stillleben, Landschafts- und Architekturmotive. Viele davon sind im Haus zu sehen. In seinem Arbeitszimmer, das neben zahlreichen anderen Räumen original erhalten ist, verfasste er Reden und Publikationen. Dennoch haderte er mit der Stagnation seiner politischen Karriere.
Bis 1939, nach dem deutschen Angriff auf Polen, seine große historische Stunde schlug. Chamberlain berief ihn ins Kriegskabinett und machte 1940 den Premierposten für ihn frei. Die Briten befanden sich damals in einer äußerst schwierigen Situation. Nach der Niederlage Frankreichs stand England in Europa allein gegen das übermächtige NS-Regime. Nach Hitlers Plan sollte es als nächstes seinem Expansionswillen zum Opfer fallen. Doch anstatt wie sein Vorgänger auf Appeasement, auf Beschwichtigen und Nachgeben, zu setzen, appellierte Churchill an den Stolz und den Durchhaltewillen seiner Landsleute. In emphatischen Reden schwor er sie auf Kampf und Widerstand „gegen eine monströse Tyrannei“ ein: „Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.“ Das Victory-Zeichen machte er zur Bildsprache für seine kompromisslose Siegeszuversicht: „We shall never surrender“.
Doch ohne den Schulterschluss mit den USA und der Sowjetunion, das war Churchill bewusst, ließ sich Hitler nicht in die Knie zwingen. Er hatte daher maßgeblichen Anteil am Zustandekommen des Anti-Hitler-Bündnisses, durch das 1945 der Sieg über das Deutsche Reich errungen werden konnte.
Nach Kriegsende verlor Churchill überraschend die Parlamentswahl, doch bereits 1951 mit 76 Jahren begann seine zweite Amtszeit als Premierminister. In dieser Phase erhielt er als erster Staatsmann den Literaturnobelpreis „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt.“
Gesundheitlich schwer angeschlagen gab er 1955 sein Amt auf. In seinem letzten Lebensjahrzehnt wurde Chartwell erneut zu seinem Ruhepol. Churchill starb im Alter von neunzig Jahren. Begraben ist er auf dem Dorffriedhof – nahe Blenheim Palace, nahe seinen Vorfahren – wohl wissend, dass er wie sie Geschichte geschrieben hat.