Adolf Hölzel

Stuttgart, Deutschland

Porträt von Adolf Hölzel

Foto: Adolf Hölzel Stiftung (Ausschnitt)

Das Bild ist eine Welt für sich, die eigens und gründlich erforscht sein will.

13.05.1853

17.10.1934

www.adolf-hoelzel.de

Als Adolf Hölzel 1906 eine Professur an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart antrat, glaubte man, einen Künstler berufen zu haben, der ganz der Tradition verpflichtet sei. Man kannte ihn vor allem durch seine naturalistisch-impressionistischen Landschafts- und Genrebilder. Nach einer Ausbildung zum Schriftsetzer hatte Hölzel in München und Wien ein Kunststudium absolviert, die Münchner wie auch die Wiener Secession mitbegründet und lebte seit vielen Jahren mit Frau und Sohn in Dachau. Dort leitete er eine erfolgreiche private Malschule, auch Emil Nolde zählte zeitweise zu seinem Schülerkreis.

Was an der Stuttgarter Kunstakademie jedoch kaum jemand ahnte: der damals 52-jährige Hölzel hatte längst einen radikalen künstlerischen Kurs eingeschlagen. Bereits 1905 schuf er mit der „Komposition in Rot I“ sein erstes abstraktes Werk. Inspiriert vom Wiener Jugendstil, insbesondere von der abstrakt-geometrischen Ornamentik Gustav Klimts, gehört er damit unangefochten zu den Pionieren der abstrakten Kunst.

Zunächst hielt Hölzel sein progressives Kunstverständnis in Stuttgart noch zurück. Als Pädagoge jedoch sorgte er rasch für Aufsehen. Mit seinen progressiven Unterrichtsmethoden stellte er bestehende Konventionen in infrage. Er gründete die erste Damenmalklasse - Jahre bevor Frauen offiziell Zugang zu den Akademien gewährt wurde - und förderte seine Studenten in ihrer individuellen Ausdrucksweise, statt sie zu epigonalen Kunstkopisten zu erziehen. Schon bald sammelten sich fortschrittlich gesinnte Kunstschaffende um ihn. Es formierte sich der sogenannte „Hölzel-Kreis“, dem spätere Bauhaus-Protagonisten wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Johannes Itten und Ida Kerkovius angehörten.

Hölzel war eine Ausnahmeerscheinung an der Hochschule. Sein Meisterschüler Willi Baumeister erinnerte sich: „Ein für die damalige Kunstakademie ganz seltener Fall trat ein: ein Professor entwickelte sich künstlerisch weiter. Er ging kühne Schritte vorwärts. Alle Kunstbeamten und seine Professorenkollegen, besonders die Schlachtenmaler, muss ein Grauen erfasst haben angesichts einer solchen gefährlichen Wandlung. Mit solcher Malerei wäre Hölzel niemals Professor geworden; aber er wurde der Exponent der Moderne für weitere Gebiete.“

Hölzels besonderes Interesse galt den Gesetzmäßigkeiten der Kunst. Er wollte den inneren Konstruktionsprinzipien eines Bildes auf den Grund gehen. „Das Bild ist eine Welt für sich, die eigens und gründlich erforscht sein will.“ Als Maler und Zeichner experimentierte er zeitlebens mit Stilen und Materialien. Für ihn waren es in erster Linie die künstlerischen Mittel – Farben und Formen -, die, analog zu den Regeln der Musik, ein Werk zu einer harmonischen Gesamtkomposition fügten. „Die Grundlage des Bildes, wie das Räderwerk einer Uhr, ist selten von außen deutlich sichtbar, und in ihm steckt doch wie bei der Uhr die eigentliche Seele des Ganzen.“

Als Hölzel 1916 zum Direktor der Akademie aufstieg, unternahm er einen weiteren Versuch, die Hochschule grundlegend zu reformieren. Doch auch diesmal scheiterte er am Widerstand der beharrenden Kräfte. Der Anfeindungen und Konflikte müde, reichte er bald darauf sein Entlassungsgesuch ein und trat 1919 in den Ruhestand. Seine Schüler bemühten sich, Paul Klee als Lehrstuhl-Nachfolger zu gewinnen. Vergeblich. Die konservative Professoren- und Beamtenschaft war nicht willens, sich der Kunstmoderne zu öffnen.

Gemeinsam mit seiner Frau Emmy zog Hölzel 1919 in eine Stadtvilla nach Stuttgart-Degerloch. Dort blieb er als privater Kunstlehrer und freischaffender Künstler tätig. In seinem Spätwerk, insbesondere in der Pastellmalerei sowie in den farbintensiven, kaleidoskopartigen Glasfenstern für die Firmen Bahlsen und Pelikan in Hannover und für das Stuttgarter Rathaus, erreichte seine abstrakte Kompositionskunst einen weiteren Höhepunkt.

Adolf Hölzel starb 1934. Kurz vor seinem Tod schrieb er: „Ich möchte, dass durch meinen Tod kein Mensch belästigt werde. Ich weiß ja doch, wie wenige Menschen sich für mein künstlerisches Wollen und dadurch für mich interessiert haben.“ Aber glücklicherweise gilt dies heute nicht mehr. Sein ehemaliges Wohn- und Atelierhaus, in dem er bis zu seinem Tod lebte, steht seit 2022 allen Interessierten offen.

Ein neuer Anbau, der den Stil der historischen Fassade aufgreift und sich in hellen Grautönen absetzt, ergänzt das Gebäude – eine originelle architektonische Lösung, die dem Neuerer Hölzel wohl gefallen hätte. Der Mann, von dem Willi Baumeister sagte: „Die Grenzen der Kunst wurden durchbrochen, weite, freie Formen taten sich auf“, erfährt in diesem Haus eine späte, aber angemessene Würdigung.

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