Eileen Gray
Roquebrune-Cap-Martin, Frankreich
Foto: wikimedia commons/Unknown author, ca.1910
09.08.1878
31.10.1976
„Alles, was ich wollte, war Dinge entwerfen, die in unsere Zeit passen.“ Mit ihren ebenso schönen wie zeitgemäßen Dingen hat Eileen Gray die Welt des Designs und der Architektur für immer bereichert. Ihr „Adjustable Table“ etwa entwickelte sich zu einem der populärsten Designklassiker des 20. Jahrhunderts. Und ihr Sommerhaus an der Côte d‘Azur, das seit 2021 nach umfassender Restaurierung wieder zugänglich ist, zählt zu den staunenswertesten Pionierbauten der Moderne. Doch nicht immer wurde mit ihren schönen Dingen respektvoll umgegangen, und viele Jahre lang geriet deren Schöpferin beinahe vollständig in Vergessenheit. Doch der Reihe nach.
Eileen Gray stammte aus einer wohlhabenden irischen Adelsfamilie. Früh ging sie ihren eigenen Weg, begann ein Kunststudium in London und Paris, entdeckte ihre Vorliebe für die traditionsreiche Kunst der Lackarbeit und gestaltete schon bald für eine wohlhabende Käuferschicht extravagante Interieurs im Art-déco-Stil. 1907 ließ sie sich endgültig in Paris nieder und eröffnete dort 1922 unter dem männlichen Pseudonym Jean Désert ein Geschäft für Inneneinrichtung.
In diesen Jahren verwandelte sich ihr Geschmack zunehmend hin zur Formensprache des zeitgenössischen Funktionalismus. Vermutlich trug auch ihre Begegnung mit Jean Badovici, Architekt und Herausgeber der Architekturzeitschrift „L’architecture vivante“, zu diesem Stilwandel bei. Mit dem fünfzehn Jahre jüngeren Rumänen verband Gray eine Arbeits- und Liebesbeziehung. Er bestärkte sie in ihrem Interesse an der Architektur. „Ich habe die Architektur schon immer geliebt. Mehr als alles andere. Doch ich glaubte nicht, dass ich dazu fähig wäre“, gestand Eileen Gray später.
Autodidaktisch vertiefte sie sich in Architekturstudien und besichtigte gemeinsam mit Badovici wegweisende europäische Bauten der vom Bauhaus und von De Stijl beeinflussten Avantgarde.
Schließlich beschlossen die beiden, ein Ferienhaus am Meer zu bauen. 1926 kaufte Gray ein uneinsehbares, damals nur schwer zugängliches Grundstück an der Steilküste unterhalb des Städtchens Roquebrune, mit Blick auf die Bucht von Monaco. Drei Jahre lang widmete sie sich akribisch der Planung und Verwirklichung ihres Sommerdomizils. Badovici spielte dabei eher eine Nebenrolle, finanziert wurde der Bau ohnehin weitgehend von Gray selbst. Ihrer beider Initialen gaben dem Haus seine rätselhafte Bezeichnung: E steht für Eileen, 10 für Jean als 10. Buchstabe im Alphabet, 2 für Badovici und 7 für Gray.
E.1027 ist ein Meisterwerk der Moderne. Eileen Gray nannte es „mein Boot“. Und tatsächlich: Wie ein leuchtendes Schiff ragt das Haus aus den Felsen hervor. Das segeltuchbespannte Balkongeländer, der Rettungsring und der wie ein Schornstein anmutende Zugang zum Flachdach verstärken die bewusst intendierte Schiffsassoziation.
In E.1027 wurden Le Corbusiers Maximen modernen Bauens souverän umgesetzt: tragende Stelzen, Flachdach, Fensterbänder sowie freie Grundriss- und Fassadengestaltung. Dennoch kann von dogmatischer Gefolgschaft keine Rede sein. Das Haus trägt unverkennbar die persönliche Handschrift seiner Schöpferin.
Gray distanzierte sich von jenem strengen Funktionalismus, den Le Corbusier mit seiner „machine à habiter“ (Wohnmaschine) formuliert hatte. Ihr Anliegen war es vielmehr, eine wohltuende „Behausung für Menschen“ zu schaffen, denn „das Leben wird zu gleichen Teilen von Geist und Herz bestimmt.“
Dieses lässig-verspielte Wohngefühl setzt sich im Hausinnern fort. Alles ist bis ins kleinste Detail raffiniert durchdacht, ästhetisch und funktional zugleich. Feste Einbaumöbel verbinden sich harmonisch mit flexiblen Einrichtungselementen. Auch die Möbel hatte Gray selbst entworfen, manche sogar eigens für dieses Haus. Nicht zufällig bezeichnete sie die Innenausstattung als „Campingstil“. Denn das effizient geplante Interieur, überwiegend aus modernen Materialien wie Stahl, Glas und Aluminium, ist je nach Bedarf variabel nutzbar. Entstanden ist ein klarer, minimalistischer Stil, voller Eleganz und Leichtigkeit.
Mit den Inschriften an den Wänden - "Entrez lentement“ (Langsam eintreten) am Eingang, „Defense de rire“ (Lachen verboten) an der Garderobe oder „Au voyage“ (Auf Reisen) auf der Wandgrafik im Salon - griff Gray vermutlich die spielerische Bild- und Sprachwelt des Dadaismus und Surrealismus auf.
Die Beziehung zu Badovici kriselte bald. 1932 verließ Gray Haus und Liebhaber. Sie zog sich, nur ihren „Adjustable Table“ im Gepäck, in das nicht weit entfernte Castellar bei Menton zurück, wo sie sich ein neues Feriendomizil schuf. „An Dinge heften sich Erinnerungen, so ist es besser, von vorne anzufangen.“
Badovici hingegen wohnte weiterhin in E.1027. Fatalerweise hatte Gray das Grundstück auf seinen Namen eintragen lassen. 1938 und 1939 hielt sich der mit Badovici befreundete Stararchitekt Le Corbusier wiederholt dort auf. Man weiß, dass er von Grays Architektur beeindruckt war. Umso befremdlicher erscheint sein gegenüber Badovici geäußerter Wunsch: „Ich habe eine heftige Lust, die Wände zu beschmieren.“
Der Hausherr ließ ihn gewähren und Le Corbusier bemalte die bewusst monochrom gehaltenen Wände mit bunten Fresken, darunter abstrahierte nackte Figuren in erotischen Posen. Eileen Gray hatte die „Architektur als eine Symphonie“ verstanden, „in der alle Formen des inneren Lebens Ausdruck finden.“ Nun störten schrille Misstöne die subtil durchdachte Komposition des Hauses.
Als Gray von der Malaktion erfuhr, verlangte sie die sofortige Entfernung der Wandbilder. Vergeblich. Nie wieder betrat sie danach das Haus. Über die Motive, die zu dieser beispiellosen Übergriffigkeit Le Corbusiers führten, wird noch immer gerätselt. War es Neid, Ignoranz, verletzte Eitelkeit?
Als Frau war Gray in der von Männern dominierten Architekturszene ihrer Zeit eine Außenseiterin: finanziell unabhängig, unverheiratet, bisexuell, eigenwillig und in ihrer gestalterischen Kraft allemal auf Augenhöhe mit den Kollegen.
Doch Le Corbusier veränderte nicht nur Grays Baukonzept im Innern, sondern auch die Umgebung des Hauses. 1952 errichtete er unmittelbar oberhalb seine hölzerne Hütte „Le Cabanon“, in der er fortan viele Sommer verbrachte. 1965 starb er beim Schwimmen im Meer unterhalb von E.1027 an Herzversagen. Auch seine Grabstätte befindet sich ganz in der Nähe.
Eileen Gray und Le Corbusier - es ist bestürzend, wie E.1027 geradezu schicksalhaft ihrer beider Leben und Werk ineinander verwoben hat.
Nach Badovicis Tod im Jahr 1956 überstand das Haus die Besitzerwechsel mehr schlecht als recht. Le Corbusier ist immerhin zugutezuhalten, dass er dazu beitrug, E.1027 und damit natürlich auch seine eigenen Wandmalereien in die verständigen Hände einer Schweizer Galeristin zu überführen. Nach ihrem Tod setzte jedoch ein jahrzehntelanger Verfall ein.
Eileen Gray lebte und arbeitete all die Jahre zurückgezogen in Paris, weitgehend vergessen von der Öffentlichkeit. Erst im Alter, sie wurde 98 Jahre, kam der Wandel. Und als 2009 ihr „Drachensessel“ aus der Sammlung von Yves Saint Laurent für sagenhafte 21,9 Millionen Euro versteigert wurde und damit zum teuersten Stuhl des 20. Jahrhunderts aufrückte, war Eileen Gray – ihre Person, ihr Genie, ihre schönen Dinge – endgültig in aller Munde.