Paula Modersohn-Becker
Worpswede, Deutschland
Foto: Wikimedia commons/Unknown author, ca. 1904 (Ausschnitt)
08.02.1876
20.11.1907
Über das Gemälde „Sommerabend“ von Heinrich Vogeler ist schon vieles gesagt worden. Es gilt als Schlüsselwerk, das bereits 1905 die Entfremdung und den schließlich unvermeidlichen Zerfall der Worpsweder Künstlergemeinschaft ahnungsvoll ins Bild setzte. Auch Paula Modersohn-Becker ist Teil dieses Barkenhoff-Ensembles: sitzend, im Profil, mit versonnenem, ernstem Blick. Ihr Gatte, der Maler Otto Modersohn, steht im Hintergrund - auch er allein und in sich gekehrt.
Paula war 1898 in das Torfbauerndorf Worpswede nahe Bremen übergesiedelt, zunächst als Malschülerin von Fritz Mackensen. Frauen war damals der Zugang zur akademischen Kunstausbildung verwehrt, sie mussten sich mit privatem Zeichenunterricht begnügen. Doch Paula emanzipierte sich rasch - von den herrschenden Malkonventionen der ländlichen Künstlerkolonie ebenso wie von den bürgerlichen Vorstellungen ihrer Herkunftsfamilie.
„Ich sehe, dass meine Ziele sich mehr von den Euren entfernen werden, dass Ihr sie weniger und weniger billigen werdet. Und trotz alledem muss ich ihnen folgen. Ich fühle, dass alle Menschen sich an mir erschrecken, und doch muss ich weiter. Ich darf nicht zurück“, schrieb sie als 22-Jährige an ihre Schwester.
Auch die Heirat 1901 mit dem elf Jahre älteren Witwer Otto Modersohn änderte daran nichts. Insgesamt viermal in ihrem kurzen Leben trieb es sie aus der Dorfenge hinaus in die Weltstadt Paris. Dort, in Museen, Ateliers und Galerien, fühlte sie sich am Puls der Zeit. Sie besuchte Auguste Rodin, begegnete den Werken Paul Cézannes, die „wie ein Gewitter“ auf sie wirkten, studierte im Louvre die Alten Meister ebenso wie ägyptische Mumienbilder. Aus all diesen Anregungen schärfte und formte sie ihre ganz eigene Bildsprache – noch vor den deutschen Expressionisten der „Brücke“ und des „Blauen Reiter“.
„Die Farbe ist famos, aber die Form? Der Ausdruck! Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins“, kommentierte Otto Modersohn Paulas eigenwilligen Malstil, in dem sie, zurück in Worpswede, die einfachen Dörfler porträtierte.
Ihre rohe, flächige, in Form und Farbe reduzierte Malerei war mit den gängigen ästhetischen Normen des Kunstmarktes nicht kompatibel. In der einzigen Ausstellung, in der sie sich mit zwei Bildern dem öffentlichen Blick stellte, wurde sie gedemütigt und verspottet. Gerade mal eine Handvoll Gemälde verkaufte sie zu Lebzeiten. Wie viel Kraft muss es gekostet haben, dennoch unbeirrt weiterzumachen - ohne Anerkennung, wohl auch sehr allein in ihrer mutigen Selbstbehauptung. „Es ist ein Konzentrieren meiner Kräfte auf das Eine“, schrieb sie 1906 an ihre Mutter.
Die Unbedingtheit und Entschiedenheit, mit der sie ihren künstlerischen Weg ging, wurde letztlich auch für ihre Ehe mit dem bodenständigen Otto zum Hindernis, obwohl sie anfangs versuchte, der Rolle als pflichtbewusste Haus- und Ehefrau gerecht zu werden. Ihre Eltern verordneten ihr vor der Heirat sogar einen Kochkurs, den sie vorzeitig mit der Begründung abbrach: „Es ist gut, sich aus Verhältnissen zu lösen, die einem die Luft nehmen.“ Immerhin bewahrte sie der Ehestand vor einem ungeliebten Brotberuf, mit dem sie als unverheiratete Frau ihren Lebensunterhalt hätte sichern müssen.
Mit Besessenheit und Radikalität erforschte sie malend „das seltsame Wesen der Dinge" - auch sich selbst. Es entstanden zahlreiche Selbstbildnisse, darunter die erste Aktdarstellung einer Künstlerin in der Kunstgeschichte. Wie Dürer vierhundert Jahre zuvor seinen männlichen Körper malend studiert hatte, überschritt auch die nackte Paula die Grenzen der damaligen Konvention. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Vielleicht war es diese Ahnung, die sie bereits mit 24 Jahren überfiel: „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig. Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest“, heißt es in ihrem Tagebuch. „Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar.“
Noch einmal bricht sie 1906 nach Paris auf, trennt sich von Otto, versöhnt sich wieder mit ihm und wird schwanger – endlich, nachdem ihr Ehemann sie fünf Jahre lang nicht „zu seiner Frau“ gemacht hatte. Otto gab seinen Nerven die Schuld. Nach der Geburt der Tochter Mathilde im November 1907 wurde Paula Bettruhe verordnet. Als sie das erste Mal wieder aufstehen durfte, verstopfte ein Blutpfropf ihr Herz. „Wie schade“ sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Sie starb im Modersohn-Haus, gerade einmal 31 Jahre alt, und wurde auf dem Worpsweder Friedhof begraben.
Das Modersohn-Haus mitten in Worpswede ist ein schlichtes, blassgelbes Holzhaus. Otto hatte es 1897 gekauft und nach Paulas Tod aufgegeben. Das Interieur ist teilweise rekonstruiert, einige Gemälde Modersohns zieren die Wände. Es fällt schwer, sich die freigeistige Paula an diesem Ort vorzustellen. Hier lebte sie sechs Jahre mit Otto und der kleinen Elsbeth, die er mit in die Ehe gebracht hatte. Vielleicht spräche ihr heute nicht mehr existierendes Atelier mehr von ihr, das sie auch während ihrer Ehe als Arbeits- und Rückzugsort in einem außerhalb gelegenen Bauernhof beibehielt.
Im modernen Anbau des Modersohn-Hauses werden Originalgemälde ihrer ehemaligen Worpsweder Künstlerkollegen gezeigt. Ihre eigenen Bilder hängen dort nur als Reproduktionen im Foyer und wirken in der dichten Aneinanderreihung seltsam stumm und seelenlos. Dann doch lieber ein Blick auf die ausgestellten Fotografien: Paula als glücklich erschöpfte Mutter mit dem schlafenden Neugeborenen – vermutlich das letzte Foto vor ihrem Tod.
Erst posthum wird die künstlerische Meisterschaft Paula Modersohn-Beckers erkannt. Über 700 Gemälde hinterließ sie in den wenigen Schaffensjahren - Werke, die zu Lebzeiten wohl niemand in ihrer Gesamtheit wahrgenommen hatte. 1927 wurde sie als erste Malerin der Welt in Bremen mit einem eigenen Museum geehrt. Heute gilt sie als die bekannteste und modernste der Worpsweder Künstlergruppe. Ein Solitär, wie es Heinrich Vogeler in seinem Gemälde bereits andeutete und Otto Modersohn, der abseitsstehende Gatte, es 1902 im Tagebuch festhielt: „Keiner kennt sie, keiner schätzt sie – das wird anders werden.“