Karl V.

Cuacos de Yuste (Palast von Yuste), Spanien

Porträt von Karl V.

Foto: Wikimedia Commons/um 1548 (Ausschnitt)

Ich habe das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, nicht erreichen können.

24.02.1500

21.09.1558

www.patrimonionacional.es

Im Angesicht der himmlischen Dreifaltigkeit ließ sich Kaiser Karl V. von seinem Lieblingsmaler Tizian porträtieren – kniend im schlichten Büßerhemd, die Krone abgelegt. Das Gemälde „Gloria“ hatte Karl nach Yuste bringen lassen, seinen Alterswohnsitz in der abgelegenen spanischen Extremadura. Es zeigt, worum es dem einst mächtigsten Mann der Welt in der Vorbereitung auf sein Lebensende ging: um demutsvolle Gottessuche, Gottesanbetung, Gottesgespräch.

Zuvor jedoch hatte Tizian den Kaiser ganz anders ins Bild gesetzt: Karl in feierlicher Rüstung als stolzer Sieger und Herrscher. Eine Kontrastierung, die ikonografisch sein tragisches Scheitern offenbart. Zu divergierend, zu unvereinbar waren die Kräfte, die an ihm zerrten. Wie sollte ein so gewaltiges Reich, von dem man sagte, in ihm gehe die Sonne niemals unter, regiert werden? Wie sollte es in einer Zeit des Umbruchs gelingen, die politische und religiöse Einheit zu bewahren? Eine schier unmenschliche Aufgabe.

Rastlose Reisen durch ein kaum überschaubares Herrschaftsgebiet, begleitet von unablässigen Konfrontationen und Kriegen, bestimmten denn auch Karls Leben: gegen den französischen Dauerrivalen Franz I., gegen den osmanischen Sultan, gegen den reformunwilligen Papst, gegen aufbegehrende Territorialfürsten und nicht zuletzt gegen die ketzerische Reformationslehre Martin Luthers. Karl sah sich durch Erbe und Tradition in der Rolle eines ordnenden Universalherrschers, verantwortlich für den Frieden und Schutz seines Reichs. In seinem Selbstverständnis bildeten Kaisertum und römisch-katholische Kirche eine unauflösliche Einheit. Auf diesem Fundament suchte er unermüdlich nach Ausgleich und Konfliktlösung.

All diese Auseinandersetzungen waren nicht nur äußerst kräftezehrend, sondern auch äußerst kostspielig. Da kam das Gold aus den neuen spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika gerade recht – auch wenn es von Eroberern wie Cortés und Pizarro mit furchtbaren Grausamkeiten gegenüber der indigenen Bevölkerung erbeutet worden war. Und obwohl Karl, im Geist von Humanismus und Rittertum erzogen, diese brutale Vorgehensweise nur schwer mit seinem strengen katholischen Glauben vereinbaren konnte, blieb sein Widerstand halbherzig und letztlich wirkungslos.

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555, der den Landesherren die freie Konfessionswahl zubilligte und damit die Glaubensspaltung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation endgültig besiegelte, war ein Affront gegen die kaiserliche Autorität und kam einer faktischen Entmachtung Karls V. gleich. Nach fast vierzigjähriger Amtszeit dankte er ab: ein spektakulärer, einzigartiger Akt. In der Folge teilte er das habsburgische Herrschaftsgebiet in eine spanische Linie für seinen Sohn Philipp und eine österreichische Linie samt Kaiserwürde für seinen Bruder Ferdinand.

In seiner Abdankungserklärung räumte Karl offen die Niederlage ein: Er sei angetreten, um „der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen.“ Doch sein Fazit: „Ich habe das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, nicht erreichen können.“

Müde, enttäuscht, resigniert zog er sich mit einer Entourage von rund fünfzig Bediensteten in die Stille und Abgeschiedenheit von Yuste zurück. Unmittelbar an das Kloster des Hieronymitenordens ließ er ein zweigeschossiges Landhaus im italienischen Renaissancestil anbauen – einen kleinen Palast mit kaum mehr als acht Räumen. Eine Rampe verband das Gebäude mit dem Garten, sodass der schwer an Gicht leidende Exkönig und Exkaiser bequem auf einer Sänfte transportiert werden konnte. Von seinem Schlafgemach führte ein Innenfenster direkt zum Hochaltar der Klosterkirche, das ihm erlaubte, selbst vom Bett aus an den Gottesdiensten teilzunehmen.   

Von Zeitgenossen wurde Karl als schwermütig und verschlossen beschrieben. Sein blasses, längliches Gesicht wies mit dem stark vorgeschobenen Unterkiefer und der hängenden Unterlippe die typischen Züge der Habsburger auf.

In seinem Refugium blieben ihm nicht einmal mehr zwei Jahre Lebenszeit. Auch Tizians Porträt seiner geliebten Gattin Isabella, Tochter König Manuels I. von Portugal, die bereits 1539 im Kindbett gestorben war, wollte der Witwer in Yuste um sich haben. Dort starb Karl 1558 – vermutlich an Malaria. Sein Leichnam wurde zunächst in der Krypta des Klosters beigesetzt und 1574 von seinem Sohn Philipp in den Escorial überführt.

Und noch ein weiteres Tizian-Gemälde hatte Karl bis zuletzt vor Augen. Es hing in seinem Schlaf- und Sterbezimmer: „Ecce Homo“.

E-Mail-Icon Drucken-Icon PDF-Icon Nach-Oben-Springen-Icon