Voltaire

Ferney, Frankreich

Porträt von Voltaire

Foto: Wikimedia Commons, ca. 1736 (Ausschnitt)

Mein Handwerk ist, das zu sagen, was ich denke.

21.11.1694

30.05.1778

www.chateau-ferney-voltaire.fr

Seine spitze Feder wie seine spitze Zunge brachten ihm zeitlebens viel Ungemach ein. Gehasst von den einen, verehrt von den andern, machten sie ihn gleichwohl in ganz Europa berühmt und einflussreich. Voltaire repräsentierte mit seinem Kampf für Gerechtigkeit und Toleranz das Zeitalter der Aufklärung in Frankreich wie kein anderer.

François Marie Arouet, so sein eigentlicher Name, wurde 1694 als Sohn eines bürgerlichen Notars und einer adligen Mutter mitten hineingeboren in die französische Feudalgesellschaft König Ludwigs XIV. Schon früh machte er mit Theaterstücken und Versen von sich reden. Doch seine beleidigende Spottlust erregte schnell den Unmut der Mächtigen. Zweimal landete er, der in einer Polizeiakte als „groß, hager, mit dem Aussehen eines Satyrs“ beschrieben wurde, im Bastille-Gefängnis.

Dann ging er 1726 ins Exil nach London. Ein Wendepunkt. Dort lernte er nicht nur das naturwissenschaftlich-kritische Denken Isaac Newtons kennen und schätzen, sondern auch die fortschrittliche liberale Staatsverfassung, die Adel und Bürgertum gleichermaßen politische und religiöse Freiheitsrechte einräumte. Nach fast drei Jahren auf der Insel hielt er in seinen „Philosophischen Briefe“ von 1734 den französischen Missständen anklagend den Spiegel vor.

„Mein Handwerk ist, das zu sagen, was ich denke.“ Und diesem Auftrag widmete Voltaire sich mit gnadenloser satirischer Vehemenz und Schärfe, allein seinen Überzeugungen verpflichtet. „Schmiegsam wie ein Aal, lebendig wie eine Eidechse, emsig wie ein Eichhörnchen“ so beschrieb er sich selbst.

Seine Attacken richteten sich in erster Linie gegen die politische und kirchliche Übermacht. Er kritisierte die Dominanz der katholischen Kirche, die mit ihrer religiösen Bevormundung die Menschen am vernunftgeleiteten, selbständigen Denken hindere. Zugleich prangerte er die staatliche Willkür- und Privilegienherrschaft des absolutistischen Regimes an. „Könige denken mehr an die Königswürde als an die Menschenwürde“, schrieb er einmal.

Voltaire wurde zur intellektuellen Stimme der Vernunft, die überkommene gesellschaftliche Normen provokativ in Frage stellte. Er störte die satte Selbstzufriedenheit der Herrschenden, forderte Meinungs- und Gedankenfreiheit sowie Gleichheit vor dem Gesetz – Ideen, die sich Jahrzehnte später in der Französischen Revolution gewaltsam Bahn brachen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Seine Bücher wurden verboten und verbrannt. Voltaire, der dem Luxus und dem guten Leben durchaus nicht abgeneigt war, fiel am französischen Hof in Ungnade und musste Paris verlassen.  

Im Château de Girey fand er jahrelang Zuflucht bei seiner Geliebten und Geistesverwandten Èmilie du Châtelet, einer profunden Kennerin der Physik und Mathematik. Nach ihrem Tod gab er dem Werben des preußischen Königs Friedrich II. nach und ging 1750 nach Potsdam. Dort glänzte er mit seinem Esprit in der legendären Tafelrunde. „In unserer kleinen Gesellschaft löscht das große Licht unseres Dichters das schwache Licht der Kerzen aus; er, und er allein, hat Geist, und wir haben das Vergnügen, ihm zuzuhören“, schwärmte Friedrich der Große in einem Brief an seine Schwester Wilhelmine.

Doch die Männerfreundschaft trübte sich mehr und mehr ein. Nach einer ihm hinterbrachten Schmähung des Preußenkönigs – „on presse l’orange et on en jette l’écorce“ (Man presst die Orange aus und wirft die Schale weg) – kehrte Voltaire Sanssoucci den Rücken. Eine Weile kam er nach dem Zerwürfnis in der Schwetzinger Sommerresidenz des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz unter. Bei einem späteren Aufenthalt dort arbeitete er an seinem berühmten Kurzroman „Candide“.  

Doch der ewige Wanderer sehnte sich nach einem Ruhepol fern von Adelshöfen und Städten. Mittlerweile durch schlaue Geschäftspraktiken zu einem enormen Vermögen gekommen, war er unabhängig genug, sein Leben nach eigenem Gusto zu gestalten. In der Nähe von Genf kaufte er die Landgüter Ferney und Tourney, „denn ein Philosoph muss gegen die Hunde, die ihn hetzen, mehrere Schlupflöcher haben.“ Im Grenzland zwischen der Schweiz und Frankreich fühlte er sich sicher, Ferney wurde zu seinem Alterswohnsitz.

Dort ließ er ein Schloss im neoklassizistischen Stil errichten und es 1766 um zwei Seitenflügel erweitern. Er lebte gemeinsam mit Madame Denis, seiner Nichte und wohl auch Geliebten, die ihm als Hausherrin und Betreuerin der aus ganz Europa anreisenden Gäste den Rücken freihielt.

Seine letzten Lebensjahre in Ferney waren äußerst produktiv. Voltaire publizierte einige seiner bedeutendsten Werke und widmete sich seiner ausufernden Korrespondenz und Bibliothek, die später von seiner Bewunderin, Kaiserin Katharina II. von Russland, aufgekauft wurde. Streitlustig im Kampf für seine Sache blieb er bis zuletzt. Daneben galt seine Vorliebe dem Schlosspark, dessen Gestaltung und Pflege er persönlich begleitete. Auch um die Wohlfahrt des kleinen Dorfs Ferney kümmerte er sich nach Kräften. Er ließ Häuser, Straßen und Brunnen bauen und förderte Landwirtschaft und Handwerk.

Die kleine Pfarrkirche auf seinem Anwesen versah er mit der Inschrift „Deo erexit Voltaire“ (Für Gott gebaut von Voltaire). Eitel, wie er war, ließ er seinen Namen größer schreiben als den Namen Gottes. Voltaire war kein Atheist. Da sich jedoch weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes beweisen lasse, kam er zu dem Schluss: „Lasst uns Gott verehren, ohne in seine Geheimnisse eindringen zu wollen.“

Noch heute vermittelt das Schloss Ferney in seiner heiteren Schönheit eine Ahnung vom privilegierten, kultivierten Lebensgefühl des 18. Jahrhunderts. An diesem Ort kam der Freigeist Voltaire vermutlich der Devise seines 1759 erschienenen Romans „Candide“ am nächsten: „Il faut cultiver notre jardin“. Statt philosophischen Grübeleien hinzugeben, solle man lieber durch seine Arbeit einen fruchtbaren Beitrag zum Gedeihen seiner unmittelbaren Lebenswelt leisten, denn „das ist das einzige Mittel, das Dasein erträglich zu machen.“

 

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