Käthe Kollwitz

Moritzburg, Deutschland

Porträt von Käthe Kollwitz

Foto: Wikimedia Commons/Hugo Erfurth,1927 (Ausschnitt)

Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zwecke hat.

08.07.1867

22.04.1945

kollwitz-moritzburg.de

Ihre Werke treffen ins Mark. Die Gesichter und Körper ihrer Figuren verdichten universelle, für jeden Menschen lesbare Erfahrungen: die gebeugte Haltung der Trauer, die weit aufgerissenen Augen der Angst, die geballte Faust der Wut. Diese zeitlose Sprache menschlicher Gefühle in Kunst zu verwandeln, war das zentrale Anliegen von Käthe Kollwitz. „Ich will wirken“, sagte sie einmal.

Die gebürtige Königsbergerin Käthe Schmidt hatte 1891 Karl Kollwitz geheiratet und war mit ihm nach Berlin gezogen. Im Arbeiterviertel Prenzlauer Berg, wo sich ihr Mann als Kassenarzt niederließ, sollten sie über fünf Jahrzehnte leben. In diesem proletarischen Umfeld begegnete Käthe Kollwitz Tag für Tag hungernden Kindern und ausgemergelten, erschöpften Frauen und Männern.

Ihr freireligiöses, sozialdemokratisch geprägtes Elternhaus in Ostpreußen hatte sie früh für Fragen der Menschenwürde und sozialen Gerechtigkeit sensibilisiert. Der Vater erkannte und förderte ihr zeichnerisches Talent und ermöglichte ihr die Ausbildung an der Malerinnenschule in Berlin und später in München. Bald schon wurde ihr klar  – „Ich kam mit der Farbe nicht weiter“ –, dass ihr Weg nicht in der Malerei lag, sondern in Zeichnung und Druckgraphik. Ihr künstlerisches Vorbild war Max Klinger. Nicht Landschaften oder Stillleben interessierten sie, sondern der Mensch. Ein Leben lang erforschte sie auch ihr eigenes Gesicht in zahlreichen Selbstbildnissen.

1893 wurde Gerhart Hauptmanns Theaterstück „Die Weber“ für sie zur künstlerischen Initialzündung. „Der Eindruck war gewaltig“, erinnerte sie sich. „Diese Aufführung bedeutete einen Markstein in meiner Arbeit.“ Das soziale Elend, die Armut und Verzweiflung der Figuren hielt sie in ihrem Graphikzyklus „Ein Weberaufstand“ fest.

Mit diesem Werk gelang der 30-jährigen Kollwitz der künstlerische Durchbruch – gefördert von Max Liebermann, missachtet hingegen von Kaiser Wilhelm II., der ihr 1898 eine Auszeichnung verweigerte. Sie ging – verheiratet und zwischenzeitlich Mutter von zwei Söhnen – unbeirrt ihren Weg. Der Vater hatte ihren Wunsch, „dass ich zwei Berufe vereinigen wollte, den künstlerischen und das bürgerliche Leben in der Ehe“, noch skeptisch gesehen und ihr vor der Heirat geraten: „Du hast nun gewählt. Beides wirst du schwerlich vereinigen können. So sei das, was du gewählt hast, ganz!“

Käthe Kollwitz wählte beides – Familie und Kunst. Zweimal ließ sie Mann und Kinder in Berlin zurück, um in die Kunstmetropole Paris aufzubrechen. Dort suchte sie auch den von ihr bewunderten Rodin auf. „Denn das ist in meinem Kopf einmal ausgemachte Sache: nach Paris gehen heißt plastisch arbeiten.“

Mit dem Ersten Weltkrieg brach das Leid auch über sie selbst herein. Ihr knapp 18-jähriger Sohn Peter, der sich freiwillig an die Front gemeldet hatte, fiel bereits nach wenigen Wochen in Flandern. Der Schmerz über den Verlust begleitete sie ein Leben lang. In den 1920er Jahren stellte sie ihre Kunst bewusst in den Dienst eines kämpferischen Pazifismus: „Der Pazifismus ist eben kein gelassenes Zusehn, sondern Arbeit, harte Arbeit.“ Ihr Plakat „Nie wieder Krieg“ wurde zu einem der eindringlichsten Agitationsmittel der Friedensbewegung. „Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zwecke hat“, begründete sie ihr politisches und soziales Selbstverständnis.

1919 wurde sie als erste Frau in die Akademie der Künste aufgenommen und zur Professorin ernannt – bis sie 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt wurde. Gemeinsam mit Heinrich Mann, Albert Einstein und anderen hatte sie einen Aufruf zum Zusammenschluss der Linksparteien unterzeichnet, um den drohenden Wahlsieg der NSDAP zu verhindern.

Es folgten Ausstellungsverbot und Diffamierung ihrer Werke als „entartete Kunst“. Der Rückzug in die innere Emigration, ohne öffentlichen Resonanzraum, fiel ihr schwer. 1943 floh sie vor den Bombenangriffen aus ihrer Berliner Wohnung, zunächst nach Thüringen, dann nach Moritzburg, wo ihr ein adliger Bewunderer zwei Zimmer im sogenannten „Rüdenhof“ zur Verfügung stellte. Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude hatte einst zum Schloss Moritzburg gehört und der Tierhaltung Augusts des Starken gedient.

Dort, im ersten Stock, lebte sie seit Juli 1944. Kurz vor Kriegsende starb sie im Alter von 77 Jahren. Das Haus, heute der einzig erhaltene Lebensort von Käthe Kollwitz, bewahrt Originalgraphiken, Fotografien, Tagebuchauszüge – und auch die Totenmaske Goethes, die der Künstlerin viel bedeutete. Auf dessen Worte „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“ bezog sie sich mehrfach in ihrem Antikriegsdenken und künstlerischen Schaffen.  

„Nie hab ich eine Arbeit kalt gemacht, sondern immer gewissermaßen mit meinem Blut. Das müssen die, die sie sehen, spüren.“ Ihr Denkmal „Trauerndes Elternpaar“ auf dem Soldatenfriedhof in Belgien und ihre Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ in der Neuen Wache in Berlin sind Ikonen des Schmerzes. Überzeitlich. Zeitlos berührend.

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