Friedrich Hölderlin

Tübingen, Deutschland

Porträt von Friedrich Hölderlin

Foto: Wikimedia commons/Franz Carl Hiemer

Ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags.

20.03.1770

07.06.1843

hoelderlinturm.de

Überlassen wir zunächst ihm selbst das Wort. Sein Gedicht „Hälfte des Lebens“ ist gleichermaßen sprachliche Vollkommenheit wie Annäherung an Friedrich Hölderlin.

„Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.“

Als das Gedicht 1804 erschien, war Friedrich Hölderlin 34 Jahre alt - auf der Hälfte seines Lebens. Es spricht vom Spannungsfeld zwischen Freude und Trauer, Wärme und Kälte, Üppigkeit und Kargheit, Sommer und Winter. Und es spricht zugleich über Hölderlins eigenes inneres Spannungsfeld, an dem er litt und an dem er schließlich im buchstäblichen Sinne irre wurde.

Es fing damit an, dass Hölderlin im Widerstreit lag mit der von der Mutter gewünschten Pastorenlaufbahn. Zwar absolvierte er gehorsam sein Theologiestudium im Tübinger Stift, aber diese Jahre fielen in die Zeit der Französischen Revolution, und deren Freiheits- und Gleichheitsideen entfachten nicht nur in ihm, sondern auch in den befreundeten Stiftlern Hegel und Schelling eine zukunftsfrohe Begeisterung. Das republikanische Ideal besang Hölderlin später im Gedicht „Die Eichbäume“ am Beispiel einer Baumgruppe: „Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels/Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.“

In der griechischen Antike und ihrer Götterwelt fand Hölderlin die lebendige Verwirklichung seiner Vision von Humanität und Freiheit. Sie dichterisch zu gestalten, verstand er als seine Lebensbestimmung: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“. Da war es nur folgerichtig, dass er sich dem Pfarrdienst verweigerte, hätte er sich doch damit genau dem württembergischen Landesherrn Herzog Carl Eugen unterstellen müssen, dessen Willkürherrschaft es zu überwinden galt. Hölderlin wollte frei sein für die Dichtung. Und dennoch musste der Lebensunterhalt verdient werden. Sein verehrter schwäbischer Landsmann Friedrich Schiller verschaffte ihm die erste Anstellung als Hauslehrer.

Bald darauf wechselte Hölderlin in das Frankfurter Handelshaus der Familie Gontard. Dort, umgeben von Wohlstand und Arroganz, bekam er seinen geringen Status als Hauslehrer, der „überall das fünfte Rad am Wagen ist“, schmerzlich zu spüren.

Nur Susette Gontard, die Mutter seines Schülers, war anders. In ihr sah er die Ideale des Griechentums verkörpert, ihr gab er in seinem Roman „Hyperion“, nach einer Gestalt aus Platons „Symposion“, den Namen Diotima. Eine heimliche Liebe, die an der Realität zerbrach. 1798 wurde Hölderlin vom Hausherrn vor die Tür gesetzt. „Himmelschreiend“ sei es, schrieb er an die Geliebte, „wenn wir daran denken müssen, dass wir beide mit unseren besten Kräften vielleicht vergehen müssen, weil wir uns fehlen.“

Wieder Wanderschaft, wieder Hauslehrerdienst, wieder Einsamkeit. Hölderlins zerrütteter Zustand wurde für seine Umgebung immer augenfälliger. „Ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags“, schrieb er an seinen Freund Neuffer. Als er vom Tod Susettes erfuhr, verschlimmerte sich sein seelischer Zustand noch weiter. Kein Halt nirgends. Weder fand seine Dichtung die erhoffte öffentliche Anerkennung noch erfüllte die eigene „dürftige Zeit“ mit ihren politischen Unzulänglichkeiten seine Erwartungen. 1806 wurde Hölderlin gegen seinen Willen in die Autenriethsche Klinik für Geisteskranke in Tübingen eingeliefert und nach 231 Tagen als „unheilbar“ entlassen.

Rückblickend war es für Friedrich Hölderlin ein Segen, dass sich der benachbarte Tischlermeister Ernst Zimmer seiner annahm. In dessen Haus fand er, eingebunden in die fürsorgliche Obhut der Familie, in einer karg möblierten Turmkammer Zuflucht. Das Haus und die unmittelbare Umgebung hat er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen.

Obwohl der Turm einige Jahrzehnte nach Hölderlins Tod abbrannte und später in leicht veränderter Form wieder aufgebaut wurde, ist der Ort noch immer sprechend. Vom Turmzimmer aus konnte Hölderlin auf den sacht dahinfließenden Neckar blicken. Hier schrieb er, hier improvisierte er auf dem Klavier und auf der Flöte. Heute steht in dem Raum nur ein kleiner Holztisch. Auf ihn habe Hölderlin „mit der Hand geschlagen, wenn er Streit gehabt – mit seinen Gedanken“, so die Tochter Lotte Zimmer über ihren Schützling. Auch der lange Flur ist noch da, den er in seinem Bewegungsdrang „alle Tage mit gewaltigen Schritten“ auf und ab ging.

Besucher, darunter auch die Dichterfreunde Justinus Kerner und Eduard Mörike, redete er mit „Heiligkeit“ oder „Majestät“ an. Auf seinen eigenen Namen hörte er nicht mehr. Er nannte sich nun Killalusimeno, Buonarotti oder Scardanelli. Friedrich Hölderlin war in seinem Turm, diesem uralten Symbol für Schutz und Rückzug, der Welt abhandengekommen - 36 Jahre lang, die ganze zweite Hälfte seines Lebens.

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